Willkommen

 

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Liebe Leserinnen und Leser,
liebe Freundinnen und Freunde,
willkommen zu meinem Blog. Ich werde hier hoffentlich regelmäßig Beiträge, Bilder, Erfahrungen und Erkenntnisse teilen, die ich innerhalb eines Jahres als Freiwillige in Namibia machen werde. Für ein Jahr werde ich in einem Projekt für Umwelterziehung arbeiten, das zum Großteil von Schulklassen besucht wird. Ich habe mich für einen Freiwilligendienst im Ausland entschieden, der mit meinem Abflug in nur wenigen Tagen beginnen wird, weil ich mir noch unsicher war, wie mein Leben als Studentin aussehen sollte. Ich habe schon viel über Namibia gelesen und erzählt bekommen, kann es aber trotzdem nicht erwarten, dass meine Reise losgeht.

Klara

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Hervorgehobener Beitrag

Die letzten Wochen

13. Juli

Ich bin in den letzten Wochen meines Namibia Aufenthalts angekommen. In den vergangenen Wochen ist tatsächlich noch etwas los gewesen.

Bei der Arbeit in Swakop habe ich beschlossen, ein großes Brett mit Durchgucklöchern zu bemalen (noch gibt es kein qualitativ hochwertiges Foto davon), um vielen Stunden vor dem Laptop zu entfliehen. Ähnlich handelte ich vor ein paar Monaten, als 8 Stunden Computerarbeit täglich und die ewige Beschwerde meiner Chefin, es gäbe vor dem Büro nirgends eine Möglichkeit, ihr Fahrrad anzuschließen, mich zu dem Entschluss brachten, einen Fahrradständer zu bauen. Das Bild zu malen hat einige Wochen in Anspruch genommen. Nicht nur, weil es ziemlich groß ist und Einzelheiten mit kleinen Pinseln gemalt werden mussten, sondern auch, weil ich alle Zeit der Welt herauszögerte, um nur nicht wieder an einem Schreibtisch zu landen. Was mich an meinem Bild am meisten fasziniert, ist das Fahrrad, das auch ohne Sattelrohr fahren kann, der Junge, dem ein Fuß fehlt und der doch sehr grüne Hintergrund. Ihr werdet es bald sehen. Aber sonst denke ich, dass es ganz gelungen ist. Zukünftig wird es vor dem Büro stehen und Schulkinder und Touristen glücklich machen. Während ich malend auf einem Stuhl vor meinem Kunstwerk saß, stellte sich häufig Priscilla, die Sekretärin hinter mich. Mit Bewunderung folgte sie meinen Handbewegungen, ab und zu verstrich ich Farbe mit den Fingern, als wüsste ich, was ich täte und dann sagte sie entweder, ich solle zur Art School gehen oder ein Bild für ihr Wohnzimmer zeichnen. Priscilla ist sehr leicht zu beeindrucken. Genauso toll findet sie es, wenn ich mit dem Fahrrad durch die Stadt fahre. Sie selbst hat das angeblich das letzte Mal vor 10 oder 20 Jahren getan. Trotzdem hat sie mir versprochen, vor meiner Abreise noch einmal aufs Rad zu steigen. (Heute ein erfolgloser Probeversuch…)
Außerdem hatte ich vor geraumer Zeit (Sand?!-)Flöhe in meinem Bett. Ich habe keine Ahnung, wo ich die aufgegabelt haben könnte. Das Internet riet mir, „einfach“ die Matratze zu staubsaugen und die Bettwäsche warm zu waschen. Das „Einfach“ stellt sich als doch etwas schwierig heraus, wenn man weder über einen Staubsauger, noch über eine Warmwaschmaschine verfügt. Unseren Wasserkocher, den ich unter Umständen schon zu einem Nudelkocher zweckentfremdet habe, wollte ich nicht noch mehr strapazieren. Deswegen verbrachte mein Bettzeug ein paar Tage und Nächte im Gefrierschrank, danach wurde es gewaschen und ich schlief stattdessen im Schlafsack auf unserem Sofa.

Eigentlich haben wir gerade Winter und nach der Flohaktion ist es auch fürchterlich kalt geworden. Überall war es kalt. Morgens verließ man das warme Bett, um sich frierend anzuziehen, um dann, mit Hose über Hose und Pulli über Pulli, über T-Shirt, T-Shirt und T-Shirt frierend ins Büro zufahren, wo es noch kälter gewesen war. Um dann, bevor die Hand beim Malen abfiel einen Spaziergang zu machen und sich in der Mittagspause in ein Café zu retten, um dann nach weiteren kalten Arbeitsstunden wieder frierend nach Hause zu fahren. Der Wind hat sich vor gut eineinhalb Wochen gedreht und kommt jetzt aus dem Osten. Während in Windhoek und Maltahöhe morgens immer noch 1 oder -3°C gemessen werden, legt sich über die Küstenregionen eine trockene Wärme. Wenn der Wind aus dem Landesinneren weht, bringt er Hitze, Sand und Staub aus der Wüste mit. Trotzdem bin ich mit dem Wetter sehr zufrieden. Vor allem, weil ich morgens 5 Minuten später das Haus verlassen kann, dank Rückenwind. Ein Nachteil an diesem trockenen Wetter ist leider, dass es Lina dazu veranlasst, noch lauter zu schnarchen, als es ohnehin schon der Fall ist. Ein Grund, weswegen ich in den letzten Tagen wieder das Sofa beheimatete. Weiter schlimm ist das jetzt nicht mehr, denn morgen geht es für die letzten 2 Wochen in die unbeschreiblich schöne Landschaft der Namib. Wir empfangen in dieser Zeit zwei Schulklassen und das Wochenende ist mit einer zweitägigen Wanderung auf den Losberg verplant.

Am 30. Juli geht der Rückflug nach Deutschland. Vielleicht melde ich mich nach meiner Wüstenrückkehr nochmal. Bis dahin.

K

Schlimmer als ein Marathon

Ich bin mir ziemlich sicher, wenn ich sage, dass die längste Strecke, die ich bisher an einem Stück gelaufen bin, eine Distanz von etwa 42 Kilometer decken müsste. Das war vor einem Jahr.
Obwohl ich mit meiner Familie keine größeren, sich über Tage ausdehnende Wanderung gemacht habe (außer dies ist noch mit Kinderfüßen passiert und ich habe alles verdrängt), schaute ich deswegen der bevorstehenden 90 Kilometer Wanderung, deren Strecke allerdings auf 5 Tage verteilt werden sollte, mit beruhigten Augen entgegen.
Eigentlich stehe ich ja nicht so auf Massenveranstaltungen oder größere Gruppen. Daher glich dieser Trip in meinen Augen schon einer Völkerwanderung.
Es sind kurz vor Abreise zwar noch ein paar Leute unserer Freiwilligengruppe abgesprungen; da ist jemand krank geworden, woanders gab es einen Autounfall, der noch zu bezahlen war und noch woanders wurde der gestohlene Rucksack tatsächlich wiedergefunden, ärgerlicherweise ohne Wanderschuhe, und trotzdem waren wir eine 23-Kopf große Gruppe unter der Aufsicht zweier Guides, Ivan und Freddy.
Nach einer langen Fahrt in den Süden und in die nähere Umgebung der Schlucht, dem Fish River Canyon, sollten wir im Hobas Camp einen Vorgeschmack für die nächsten Nächte bekommen. Wir hatten keine Zelte oder Ähnliches. Isomatte und Schlafsack mussten genügen. Aber es war ja nur ein Vorgeschmack, denn immerhin hatte das Camp Toiletten und Duschen. In den kommenden Tagen würde es für uns eine andere Wasserquellen als den Fluss, den Fish River, der durch den Canyon fließt, dann nicht geben. Zu Gast in von Menschen in Frieden gelassener Natur also.

Am nächsten Morgen, dem ersten Tag der Wanderung, quetschten wir uns wieder in den kleinen Bus, der uns einen Tag zuvor von Windhoek aus eingesammelt hatte, und fuhren vor Sonnenaufgang auf einer Schotterstraße zum offiziellen Beginn der Wanderstrecke, an den Rand des Canyons.
Die Stimmung war einzigartig. Wenn überhaupt wurde nur leise gesprochen und Gefühle von Anspannung, Aufregung, Nervosität und Vorfreude waren einzelnen Gesichtern praktisch abzulesen. Was ich dieser besonderen Gefühlsatmosphäre beizusteuern hatte waren Müdigkeit und Hunger.
Dann kam es endlich zum Abstieg und im Zick-Zack den Canyon hinunter. Wie eine Ameisenkolonne sah das von weiter oben aus. Erst als wir unten angekommen waren wurde endlich gefrühstückt.
Die erste Kostprobe: skeptisch betrachteten wir das braun-schlammige Wasser, Trink- und Kochwasser für die nächsten Tage. Wir aßen Porridge oder Papp (einen hier häufig gegessenen Maismehlbrei) und Franzi und ich starteten mit unserem Amarulakaffee besonders gut in den Tag. Eine Tasse morgens, eine Tasse abends. Nichts hätte besser gegen Kälte helfen können.
Die Tour wurde fortgesetzt. Es ging immer am Flussufer entlang und über große Bouldersteine auf und ab. Ab und zu musste etwas geklettert werden.
Für mein leider nicht mehr ganz intaktes linkes Knie waren diese Kletterstrapazen keineswegs zu bewältigen und fatal. Aus diesem Grund gebrauchte ich nur das rechte Bein, für das Hochsteigen und Abfangen. Das Gleichgewicht mit dem (vermutlich etwas zu schweren) Rucksacks war leicht gefunden.
Wir fanden, weil es unten in der Schlucht schneller dunkel wird, gegen 17 Uhr unseren ersten Schlafplatz. Dicht am Wasser, das zwischen den Steinen plätscherte.
Franzi und ich begleiteten Guide Freddy (der sich zunehmend auf seinen Wanderstock stützte und am nächsten Tag schließlich eine Kniebandage trug) ein Stück zurück, um Nachzüglern mit Abnahme des Rucksacks die letzten Kilometer zu erleichtern und ihnen zuzusprechen, gleich da vorne sei der Schlafplatz. Als wir es am folgenden Tag genauso machten und der Gruppe entgegenkamen, war die Freude groß, es koennte ja nicht mehr weit sein… ja… nur um die Ecke und dann noch ein kleines Stück – nicht ganz unehrlich.
Als wir jedenfalls am ersten Abend mit der zweiten Gruppe ankamen, kletterte ich noch ein Stück flussaufwärts. Die Steine waren noch warm unter meinen Füßen und ich versuchte Raubtierspuren zu identifizieren, bis ich einen großen, im Fluss liegenden Felsen erklommen hatte. Dann konnte auch ich mich ausruhen. Und weil die Felsoberfläche schräg nach oben geneigt war, starrte ich den in der Dämmerung hervorstechenden Mond entgegen.

Am nächsten Morgen kam ich, wie einige andere auch, nur schwer aus dem Schlafsack. Nicht nur, weil es früh und dunkel war, daran gewöhnte man sich, aber weil ich zu meinem Erschrecken feststellen musste, dass die Muskeln meines rechten Oberschenkels absolut verhärtet waren.
Auch am zweiten Tag, der mit dem dritten Tag landschaftlich am schönsten gewesen war, ging es noch über viele große Steine.
Schlimmer war es mit dem Bein nachts. Wölbungen im Sand, denen meine Isomatte keinen Widerstand zu liefern wusste, drückten auf die empfindlichen Muskeln und lösten einen ungeheuren Schmerz aus. In meiner Bewegung war ich eingeschränkt: auf der rechten Seite zu schlafen ging nicht, da kam der Schmerz von der Seite. Auf dem Bauch zu liegen war auch keine Option, da kam der Schmerz frontal und auf dem Rücken zu liegen war sowieso vergebens. Die Sterne und der Mond waren noch so hell, man hätte Zeitung lesen können. Als ich in den Nächten dann eben so auf meiner linken Seite lag, war es selbstverständlich, dass der Wind aus dieser Richtung direkt in mein dann schon gefrorenes Gesicht wehen musste.
Morgens hieß es nach dem Aufstehen immer erst Lager räumen. Dann wurde gewandert und zwischen 9:30-10 Uhr gab es eine Frühstückspause. Flusswasser wurde gekocht, Porridge gegessen, Kaffee mit Amarula getrunken, Besteck mit Flusswasser abgewaschen und bevor es weiterging wurde noch einmal die Trinkflasche aufgefüllt.
Ich hielt meine Trinkflasche mit Öffnung gegen die Strömung. Später klagte ich über kleine Krebse, tote und lebendige in meiner Wasserflasche, die mit angewiderten Gesichtern von den anderen untersucht wurden. Die Krebse sahen so aus, wie die Urzeitkrebse, die ich mal als Kind mit Begeisterung (und unter Verachtung meiner Schwester) züchtete. Erst als deren Plastikbox irgendwann schlimm zu stinken anfing, war ich bereit gewesen, mich von ihnen zu trennen. Mit sehr viel weniger Begeisterung, kippte ich meine Flaschenkrebse zurück in den Fluss. Erst später lernte ich, die Flaschenöffnung mit der Strömung unter Wasser zu halten. – War ja fast glasklar.

Niemals sind wir die Tage strammen Marsches über Stunden am Stück gelaufen. Immer wieder aufkreuzende Hindernisse, große Felsen, enge Nischen oder Flussüberquerungen waren zu meistern. Vielleicht doch gut, dass wir eine größere Gruppe waren, dann gab es bei gerade solchen Aktionen immer was zu lachen. Aber auch das Warten auf die etwas langsamere Gruppe bot kurze bis großzügige Verschnaufpausen.
In der Mittagspause des zweiten Tages wurden erste Blessuren benannt. Die ersten Blasen wurden untereinander inspiziert und verarztet. Die ewige Diskussion, ob und wann Blasenpflaster etwas taugten – ich war ja immer für aufstechen und austrocknen lassen. Als mir dann aber vorwurfsvoll blutende Füße hingehalten wurden, musste ich diesen Vorschlag doch nochmal überdenken. Meinen Füßen ging es glücklicherweise äußerlich und innerlich super und mein Knie reichte auch noch keinerlei Beschwerde ein. Nur der Oberschenkel, der litt.
Abends schliefen wir fortan direkt am Wasser. Zu essen gab es „instant-“ Gerichte. Jeder musste sich natürlich selbst versorgen. Am Ende zogen aber alle dieselben Instant Nudeln und den Instant Kartoffelbrei aus dem Rucksack. Kein Wunder eigentlich, dass wir tagsüber während des Laufens von all dem leckeren Essen sprachen, das zu Hause auf uns warten würde. Wir träumten und überlegten, was wohl die erste richtige Mahlzeit in Deutschland werden sollte. Wir konnten uns nicht entscheiden, aber das viele Aufzählen ließ die vielen Schritte vergessen, die wir machten und dann gab es schon die nächste Pause.
Wir waren von Felswänden eingekesselt. Nach dem Essen und sobald es dunkel genug war lagen wir auf unseren viel zu schmalen Isomatten und schauten in den Nachthimmel. Mittlerweile habe ich ein paar Sternbilder und Planeten ganz gut drauf. Nicht so wie Franzi, die eine Expertin ist. Aber ganz gut halt. Das müssen wir nämlich in unserem Projekt für die Astronomienacht mit den Schulkindern wissen und auch im Canyon waren unsere Schlafnachbarinnen nicht desinteressiert und für Sterne zu begeistern. „Also ich seh da keinen Bären! Alles Quatsch..“
Der prognostizierte Regen blieb aus. Zum Glück. Und auch nachts wurde es nicht allzu kalt, wie ich anfänglich fürchtete. Nur in der letzten Nacht, als schon der Pulli nichts mehr nützte, suchte ich nach einer riesigen Mülltüte, die ich tatsächlich für Regen und Kälte eingepackt hatte, riss drei Löcher hinein für Kopf und Arme. Dann wieder in den Schlafsack und ich schlief durch bis zum nächsten Morgen, an dem es mir dann doch sehr schwer fiel, mich aus der Mülltütenwärme loszureißen.
Der dritte Tag begann mit einer spektakulären Flussüberquerung.

Tagsüber war die Luft manchmal so trocken und die Wärme so drückend, dass ich dachte, mein Mund würde austrocknen. Aber das Problem war schnell behoben: mit einem Stein zwischen den Zähnen, der die Speichelproduktion sofort ankurbelte ging es weiter.
In der Mittagspause durfte ich auch meine erste Blase untersuchen. In die Socken ist zu viel Sand geraten. Durch das Reiben der Schuhe bildete sie sich an der Innenseite meines Fußes. Aufstechen und austrocknen, wer sagts denn, das war alles kein Problem. Leider meldete sich seitdem auch mein Knie. Der Weg ist zwar etwas gelenkfreundlicher geworden, es ging meist über Schieferplatten, kleinere Steine oder durch Sand, trotzdem verspürte ich leicht altbekannte Schmerzen.
Mit selbstgedichteten Liedern (die doch häufig von Essen handelten) hielten wir uns bei Laune und weil jeder so sein Tempo laufen konnte, das insgesamte Gruppentempo aber nicht sonderlich schnell gewesen war, hatte ich genügend Zeit, um zu fotografieren und die atemberaubende Landschaft zu genießen.

Gregor Samsa unterwegs

Am vierten Wandertag fragte mich Guide Ivan, der eher die hintere Gruppe betreute, ob ich denn eigentlich die Geschichte von Clara (ich gehe einfach davon aus, dass sie mit „C“ geschrieben wird) und der Nachname war schwierig, etwas Spanisch ausgesprochen, ich glaube „Madjera“ kommt ihm noch ganz nahe, also ob ich die Geschichte von Clara Madjera kennen würde.
Ich kannte sie nicht und nachdem wir über einen Berg gestiegen waren, für den sich Ivan noch die Luft in seinen Lungen aufgehoben hatte, fing er an zu erzählen:


Clara Madjera ist eine südafrikanische Geschichte, die uns immer in der Schule erzählt wurde. Vor der Unabhängigkeit Namibias und noch unter südafrikanischer Besatzung, wurde in den Schulen südafrikanische Geographie und Geschichte gelehrt, genauso wie über Erzählungen wie die von Clara M. gesprochen wurde.
Clara Madjera war ein Mädchen zwischen sieben und acht Jahren das erste Mal, als Ivan mir die Geschichte erzählte und zwischen neun und zehn Jahren alt, als ich ihm abends noch einmal zuhörte. Sie lebte mit ihrem kleinen Bruder, zwischen vier und fünf Jahren alt, ihrer Mutter und ihrem Vater in den Drakensbergen, einem großen Gebirge in Südafrika.
Es war ein außergewöhnlich kalter Winter und die Bergspitzen waren schneebekleidet. Weil es in dieser Zeit unglaublich schwierig war, einen Job zu bekommen, hatte der Vater die Familie verlassen, um in den Minen einer der größeren Städte, Johannesburg oder Pretoria zu arbeiten. Zu Hause waren es also nur noch Clara, ihr Bruder und die Mutter. An einem Mittag in diesem eisigen Winter ging die Mutter Holz holen, während Clara das Essen für ihre Familie vorbereiten sollte. Ihr kleiner Bruder spielte draußen vor dem Haus mit einem alten Autoreifen, als dieser plötzlich außer Kontrolle geriet und ohne Weiteres den Berg hinunterrollte. Unaufhaltbar, wie kleine Kinder sind, wenn ihr Lieblingsspielzeug abhandenkommt, rannte der Bruder dem Reifen hinterher. Als Clara dann irgendwann rausging, um nach ihrem Bruder zu sehen, gab es von ihm weit und breit keine Spur. Die einige Spur, die sie ausfindig machen konnte, war die des wegrollenden Reifens. Es war klar, dass ihr Bruder dem Reifen gefolgt sein musste. Clara folgte der Spur und je später es wurde, desto dunkler und kälter wurde dieser bittere Wintertag. Als die Mutter nach Hause kam, waren ihre Kinder verschwunden. Die Panik fasste sie und die lief im Dorf umher. Sie bat die anderen Bewohner ihr bei der Suche nach ihren Kindern zu helfen. Die Nachbarn, mit Taschenlampen gerüstet und gegen die Kälte und Dunkelheit ankämpfend, konnten bei so wenig Licht kaum etwas erkennen. Der Schnee, der bis jetzt nur leicht vom Himmel fiel, verwandelte sich in einen noch nie erlebten Sturm.
Auch Clara und ihr Bruder waren in diesem Sturm orientierungslos. Clara hatte ihren Bruder zwar gefunden, aber der Weg nach Hause wäre zu dieser Zeit niemals mehr möglich gewesen.
Mit der Kälte, die sich in die Körper der suchenden Dorfbewohner kroch, krochen diese schließlich in ihre Hütten zurück. Alle Suche war vergebens. Unter diesen Bedingungen war es unmöglich die Kinder zu finden, das musste auch die Mutter einsehen, die trotzdem die ganze Nacht wachblieb und zu Gott betete, er möge ihre Kinder beschützen.
Der nächste Tag wurde von einem ruhigen Himmel überblickt. Die Suchexpedition ging weiter und gegen Nachmittag wurden die Kinder endlich gefunden.
Clara hatte in dem Unwetter der Nacht eine kleine Höhle gefunden an dessen Wand sie ihren Bruder legte. Sie zog ihre Kleidung aus und kleidete ihren Bruder damit ein. Um alles, was in dem Bereich des Möglichen lag, gegen die Käte zu tun, legte sie sich direkt vor den Höhleneingang und verschloss ihn so mit ihrem bloßen Körper.
Als die Kinder in ihrer Höhle gefunden wurden, war nur noch der Bruder am Leben.

Eine Geschichte, schön wie traurig. Ivan erzählte, dass die Lehrer in der Schule immer gesagt hätten, die Schüler hätten so mutig wie Clara zu sein. Schade eigentlich, dass der Bestand der Geschichte, der doch aus einer Anreihung von Lektionen und Botschaften, nur auf diese eine Nachricht reduziert wurde.
Ich mag die Geschichte sehr. Nicht nur, weil Clara und ich denselben Namen teilen. Ivan erzählte sie so toll, dass ich ihn darum bat, sie ein zweites Mal vorzutragen.


Und dann war auch schon der letzte Abend in der Schlucht erreicht. Etwas mehr als 80 Kilometer hatten wir schon geschafft. Es gab noch einmal Instant Nudeln Napolitana und wir tranken den Wein, den ich die ganze Zeit mit mir herumgeschleppt hatte (am nächsten Tag war mein Rucksack um einiges leichter). Mitten in der Nacht hörten wir Paviane über uns herumkreischen. Sie weckten uns so häufig. Ob die näher kämen? Irgendwann ist mal jemand aufgestanden und hatte Steine in ihre Richtung geworfen. Half nicht viel.

Es kann nur der Morgen des fünften und letzten Wandertages sein, wenn Isomatten nicht mehr liebevoll ausgeklopft werden, sich der Umgang mit ihnen etwas radikalisierte – ich wollte eigentlich nur zeigen, in welcher Umgebung ich mir die Zähne putzen konnte, aber Christine gibt doch ein sehr schönes Abbild von dem her, wie die Stimmung anderer Wanderer/ Wanderinnen war.

Am letzten Tag sind wir nicht mehr viel gelaufen. Weniger als 10 Kilometer. Bergauf ging es auch nicht mehr. Am frühen Mittag kamen wir am Camp Ai-Ais‘ außerhalb des Canyons an. Mit einer läutenden Glocke wurden wir in Empfang genommen und von vielen Urlaubern gierig beäugt. Erstaunlich, wie klar das Wasser war, das aus dem Trinkbrunnen kann. Und Duschen!

Gerade erst waren wir angekommen und wurden schon bald danach vor die nächste Herausforderung gestellt:
Eigentlich sollten wir noch einmal in dem Camp übernachten und erst am nächsten Tag ganz entspannt zurück nach Windhoek fahren. Nun ist allerdings der Bus, der uns zurückbringen sollte kaputtgegangen. Die Firma schickte also einen neuen Bus, der aber noch am selben Tag in Windhoek ankommen sollte. So blieb unser Aufenthalt auf nur wenige Stunden beschränkt. Um 15 Uhr war Abfahrt. Die Fahrt insgesamt sollte 7 Stunden dauern. Das war falsch. Es war furchtbar.
Um 17:30 Uhr standen wir vor einer Werkstatt, die weder sonderlich viel versprechend, noch sehr geöffnet aussah. Das Auto des Guides, der Freiwillige mit nach Mariental nahm, ist einige Zeit davor einfach so zum Stehen gekommen und fuhr nicht wieder an. Der Bus schleppte nun nicht nur den großen Anhänger mit all unseren Rucksäcken, sondern auch noch das kaputte Auto zum nächsten Ort zurück. Mit empörten Augen sah ich das Straßenschild: South Africa 189 km langsam an mir vorbeiziehen. Wir entfernten uns also wieder von Windhoek, statt unserem Ziel näher zu kommen. Ich hatte absolut gar keinen Spaß mehr. Bei der Platzzuteilung erwischte ich den Platz in der hintersten Reihe in der Ecke. Es gab noch weniger Beinfreiheit als bei einem Ryan-Air Flug. Absolut gar keine! Ich musste meine Beine seitlich von mir in den Gang strecken.
Bei vielen aus der Truppe, die noch mit im Bus saßen, hielt die Freude über die bestandene Wanderung dauerhaft an. Es wurde gequatscht und reihenübergreifend gelacht. Laut. Ich war nicht Teil davon. Ich saß in meiner kleinen Klara-Oase in der Ecke, meine Beine irgendwie irgendwo hingestreckt mit Musik in den Ohren und einem Buch im Schoß.
Das wir,des kaputten Autos wegen umdrehen mussten, drehte das Zahlrad der Aufregung bestimmt auf zwei Ziffern höher. Ich drehte die Lautstärke meiner Musik zwei Ziffern höher.
Es war schon so spät und Windhoek noch so weit weg. Um 18.30 Uhr rollten wir wieder an. Auch das Auto fuhr. Zum Lesen war es zu dunkel, ich wurde gebeten, mein Fenster zu schließen und die Akkuanzeige meines Handys sprach etwas von 37%.
Wie gerne wäre ich zurück im Canyon gewesen. Es war Zeit, in Mozarts Klarinettenkonzert Schlaf zu finden, mit der einzigen Hoffnung, dass der Bus noch vor 5:30 Uhr in Windhoek ankäme. Um die Uhrzeit ging mein nächster Bus nach Swakop. Ich schloss die Augen und mir blieb nichts anderes übrig, als dem Busfahrer und dem Bus all das Vertrauen zu schenken, das ich fuer namibische Fahzeuge, Fahrer und Straßen noch übrig hatte.

Um 3 Uhr morgens kamen wir in der WG meiner Freunde an. Um 5:30 Uhr flenzte ich mich in den nächsten Bus mit 2 Mitfreiwilligen aus Swakopmund. Mittags waren wir endlich zu Hause.
Abends lachte Lina, die in dem Bett über mir lag, über meine Freudesrufe. Ein Bett, eine Matratze, Decke und so viele Kissen. Erleichterung und Freude. Aber Lina konnte das nicht verstehen, sie ist bei der Wanderung nicht dabei gewesen. Diesen Höllentrip an Rückfahrt blieb ihr also auch erspart.

Am anderen Ende von Swakop

Swakopmund, 04.Juni

Vielleicht musste ich an dem Tag, an dem es regnete, so sehr an die Leute im DRC denken, weil ich immer noch krank in meinem Bett lag und, dem Regen zuhörend, ständig den nur wenige Zentimeter über mir liegenden Lattenrost mit Matratze des Doppelstockbettes anstarrte, das Lina und ich uns teilen.

Der Raum zwischen den beiden Betten ist nicht gigantisch. Ich kann in meinem, dem unteren Bett, nicht aufrecht sitzen und die Schmerzen, die vom Kopfanstoßen kommen, registriere ich überhaupt nicht mehr. Aber bei diesem Regen wirkte der Lattenrost wie eine stabile Decke und ich war froh, ein dichtes Dach über dem Kopf zu haben (in der Küche lief das Wasser allerdings die Wand runter) . Dann schweiften meine Gedanken aus dem Zimmer, dem Haus, dem Wohnviertel und dem Wind in Richtung Nordosten folgend weiter, bis sie im DRC hängenblieben. Das DRC (nicht einmal die Lehrerin, mit der Lina und ich nur wenige Tage nach diesem beschriebenen Freitag dort waren wusste, wofür „DRC“ eigentlich die Abkürzung ist. – Wikipedia sagt, die Buchstaben stünden für „Democratic Resettlement Community“. DRC sollte also eigentlich weiblich assoziiert werden, – die Community – aber weil wir mit dem DRC vielmehr den Ort, die informelle Siedlung außerhalb der Stadt verbinden, die zu einem recht großen Wohnviertel herangewachsen ist, ist das DRC für uns männlich, der Ort. Und wenn eben gesagt wird: I live in DRC, dann kann man sich das Wort Community nur schwierig in diese Abkürzung hineindenken, weil „in“ doch eigentlich einen Ort angeben muss. Das DRC ist jedenfalls zu Hause zahlreicher Familien und Einzelpersonen, die sich in den umliegenden Wohnvierteln, Mondesa oder Tamariskia, kein Grundstück, Haus oder Zimmer leisten können.

Ich dachte an dem Regentag daran, wie unvorbereitet (es gibt viel Nebel, aber es regnet wirklich nur sehr selten an der Küste) für Regen diese Leute ihre Häuser oder ein treffenderes Wort, ihre „shacks“ gebaut haben (die aus allem Möglichen gebaut werden können, wir sahen auch eine Suppenküche aus Palmenblättern). Der vom Regen losgespülte Sand der Sandstraßen hat diese sicherlich stark deformiert und die matschige Mischung floss bestimmt bis mindestens in die selbsterrichteten Vorgärten hinein.

Tatsächlich: Als wir kurz nach dem Unwetter im DRC unterwegs waren, standen viele Möbelstücke und andere Habseligkeiten, auch Bettwäsche um die Hütten herum verteilt und sollten trocknen, während Reparaturen an Dächern und Wänden vorgenommen wurden.

Viele Leute, die hier leben, haben unglaublich wenig. Mit Einkaufswagen, die es irgendwie ins DRC geschafft haben, ziehen einige Bewohner mittwochs, bevor die Müllabfuhr kommt, durch die Wohnviertel, um in den vor den Haustüren stehenden Mülltonnen etwas zu finden, was für sie von größerer Bedeutung sein könnte. Das kommt dann in den Wagen. Manche von ihnen haben ihren Einkaufswagen personalisiert, indem sie ein nach außen zeigendes Nummernschild an der Stirnseite des Wagens befestigt haben. Mittwochs begegne ich vielen dieser Einkaufswagenfahrer und immer wieder habe ich das Sprichwort „One man´s trash is another man´s treasure“ im Kopf, das mir noch nie so wörtlich vor Augen gehalten wurde. 

Folgende Bilder habe ich im DRC gemacht (dabei fühlte ich mich ziemlich komisch). Und eigentlich wollte ich keine Unicef-Bilder hochladen, deren Botschaft ganz klar Hunger, Elend und Armut sind. Vielmehr bewundere ich die Kreativität der Wohneinrichtungen, den Wert, der auf Aufgeräumtheit gelegt wird, die Vorgärten mit Beeten in alten Autoreifen und den Stadtteil an sich, in dem endlich mal was los ist. Fußballspiele wurden ausgetragen auf einem zum Fußballfeld selbst deklarierten Platz, Kinder, die in den Straßen spielen und dabei kein Handy brauchen, Mädchen die sich gegenseitig die Haare richten, all das belebt das DRC immens. 

Für mich gehören diese Bilder auf jeden Fall auch zu Swakopmund dazu. Und auf jeden Fall werden sie mir lange und lebendig im Gedächtnis bleiben. Orte, die den Augen der meisten Touristen entgehen, weil (anders als in Windhoek) keine Township Tours angeboten werden, weil man bei der Einfahrt nach Swakopmund nicht am DRC vorbeikommt, weil das Interesse fehlt und Angst, sich in so ein „Elendsviertel“ zu bewegen zu groß ist. 

Die Fotos habe ich an einem Nachmittag nach Schulschluss gemacht.

Die Hauptstraße war nicht mehr super zu befahren. Laternen im DRC sollen gegen Kriminalität helfen.

Die Häuser sind nicht an Strom oder Wasser angeschlossen. Es gibt mehrere Wasserstellen an denen Kanister aufgefüllt werden.

Es gibt keine Kanalisation. Das ist eine Trockentoilette. Manche DRC Bewohner haben auch eine auf ihrem Grundstück stehen.
Dachreparaturen nach dem Regen.
Zuschauer eines Fußballspiels

Shack

Regen

Swakop, 19. Mai

1. I can’t believe I am missing out on the Royal Wedding!!

2. Das häufige Übergeben in der Nacht zu Beginn der Woche war nur Startschuss für darauffolgenden Schüttelfrost und Kopfschmerzen, die mich bis Freitag in das Bett verdammten, bis ich sie und mich komplett ausgeschlafen hatte. Ein kleines Elend. Keiner war zu Hause, weil die Schulen gerade einmonatige Ferien haben und meine Freunde auf Reisen sind. Donnerstagnacht fing das Gewitter an. Den ganzen Freitag hat es geregnet. Und heute Morgen schüttete es immer noch. Ein so heftiger Regen an der Küste ist ziemlich selten.

Nach dieser verschwendeten Woche Bettruhe freue ich mich umso mehr auf die nächste Woche: eine 5-tägige Wanderung im Süden durch den Fish River Canyon steht an, dem zweitgrößten Canyon der Welt. Es wird super, da war ich mir schon immer sicher. In den Sommermonaten ist eine Wanderung im Canyon nicht erlaubt. Es ist zu heiß und meistens gibt es kein Wasser in der Schlucht.  Jetzt aber bin ich mir, wenn ich die Wettervorhersage abrufe, nicht mehr ganz sicher, wie super das wird. Regen, Regen, Regen steht an. Und wir schlafen doch nur mit Schlafsack auf Isomatten unter freien Himmel… dann vermutlich in Mülltüten gewickelt?! An Wasser sollte es nächste Woche jedenfalls nicht mangeln. 

Klara-Tag

Swakopmund am 8.Mai

Heute war mal wieder ein richtiger Klara-Tag. Sicherlich können sich einige Leser*Innen vorstellen, was heute so passiert sein könnte. Etwa, dass mein Morgen eine absolute Katastrophe war, weil die Milch, die ich gerade in meinen Kaffee schüttete, über Nacht und noch vor dem Verfallsdatum ihren Aggregatzustand in unergründlicher Weise veränderte und mir stattdessen halbfester Magerquark in die Tasse gefallen war. Der Kaffee war natürlich ungenießbar und mein Morgen eigentlich gelaufen, aber es kam noch besser, als ich auch mein Frühstück ruinierte, indem ich Zimt -und  Muskatnussverpackung verwechselte und mein Porridge nicht mit Zimt würzte (beide Verpackungen haben dasselbe Orange und sind somit zum Verwechseln und Verwürzen prädestiniert). Man könnte sagen, das hatte sich gegessen. An diesem Tag kam ich zu spät in das Büro und versuchte mich mit einem Lächeln und einem „African Time?!“ zu entschuldigen. 

Heute war das etwas anders, der Morgen weniger spektakulär. Ich hatte keine Milch im Kühlschrank, die mir den Tag versauern könnte, aber trotzdem:

Nachdem ich vor die Haustür trat, musste ich mein Fahrrad schultern: Das Fahrrad war kaputt. Nach etwas mehr als einer Stunde , die ich brauchte, um in die Stadt zu kommen, war ich auch kaputt. Immer wieder musste ich stehen bleiben und die Trageposition ändern, weil es hier piekste, dort stach oder die Fahrradkette meine Kleidung beschmierte. Pick Ups, die an mir vorbeirasten ließen mich irgendwie noch erbärmlicher aussehen. Schließlich, am Ende meiner Kräfte und bei Cymot angekommen, hieß mich der Fahrradmechaniker, Josh, schon willkommen und er reparierte das Rad umsonst. Ich bestand darauf, ihm ein Trinkgeld zu geben, aber er verneinte bloß und zog sich schnell in seine Werkstattsecke zurück. Ich kramte trotzdem noch weiter in meiner Tasche und suchte mein Portemonnaie. Eine andere Angestellte, die das alles beobachtet hatte meinte immer wieder, dass das echt nicht nötig wäre und dass ich ihm als Dankeschön ja einfach mal einen Softdrink vorbeibringen könnte. Ich gab die Suche nach meinem Geldbeutel auf und dachte, das wäre doch eine nette Idee. 

Nach der Arbeit, also nach 17 Uhr, machte ich mich auf den Weg zum Strand Hotel, um noch etwas Zukunftsrecherche zu erledigen. Dafür hat das Strand Hotel alles Essenzielle: Kaffee, Gin und Tonic Water und das beste Internet der Stadt. Um 18.45 Uhr bat ich um die Rechnung, 75 namibische Dollar. Um 18.47 suchte ich immer noch mein Portemonnaie. Um 18.49 Uhr musste ich feststellen, dass ich es gar nicht dabeihatte. Das erklärte ich dann dem Kellner, der um 18.50 Uhr vor mir stand, mit einem Grinsen. – wie blöd. In solchen Situationen grinst man nicht. Ich machte ihm einen Vorschlag: Er sollte mein Handy behalten, während ich nach Hause fahren, Geld holen und bezahlen würde. Gar kein Problem. Ich gab ihm mein Handy, das nicht ganz so aussieht, als wäre es noch irgendwas wert. Es hat seine goldenen Jahre schon längst hinter sich, ebenso erfolgreiche Wiederbelebungsversuche. Trotzdem ist es überaus hitze- salz- und süßwasserresistent (keine Werbung..), also vielleicht doch mehr wert als  die 75 namibischen Dollar (etwa 5€). Wie dem auch sei, der Kellner mit meinem Handy, ich mit nichts, schwang mich wieder aufs Rad und düste nach Hause. Kurz vor dem Einbiegen in unsere Straße musste ich feststellen, dass der hyperaktive Hund unserer entfernten Nachbarn plötzlich wieder die Straßen auf und ab rannte und alles ankläffte, was ihm in die Quere kam. Dabei hatte ich ihn doch eigentlich für tot erklärt. Seit sich die Straßenhundpopulation am oberen Ende unserer Straße in den letzten Monaten verdoppelt und verdreifacht hatte, stelle ich mir nicht mehr die Frage, welchen Weg ich fahren oder laufen sollte. Das Zusammentreffen mit dem Hyperhund war vermutlich nur deswegen so erschreckend, weil ich gar nicht mehr mit ihm gerechnet hatte. Der andere Hund an der Ecke und ich leben inzwischen in einer ziemlich friedlichen Koexistenz. Manchmal nicke ich ihm morgens sogar zu. „Die wollen ja alle nur spielen….“

Naja, ich kam jedenfalls zu Hause an und suchte viel zu lange nach meinem Portemonnaie. Kein Grinsen mehr. Endlich hielt ich den Geldbeutel in der Hand, 75 nam. Dollar… ich sah nur einen 50 -und einen 10 Dollar Schein. Mist. Ein Stopp bei dem Geldautomaten war also ein Muss. Ich fuhr wieder los und überlegte kurz, was denn eigentlich mein Pinncode sei. Wird mir schon wieder einfallen, wenn ich ihn eingeben muss, dachte ich. Fiel mir nicht ein. Ich stand vor dem Automaten und meinte die Zahlen in der richtigen Reihenfolge eingegeben zu haben. „Wählen Sie einen Betrag aus“, der Automat. „Super“, ich. War nicht super. Wenige Sekunden später behauptete der Bildschirm , ich hätte die falsche Pinnnummer eingegeben. Mist. Zweiter Versuch, wieder falsch. Ich entnahm der Gerätschaft meine DKB Kreditkarte und setzte mich auf den Boden. Wenn Leute nicht mehr weiterwissen, dann machen die manchmal komische Sachen. Aber ich war noch voll dabei: Ich untersuchte unter verzweifeltem Lachen den Inhalt meiner Tasche etwas genauer, mit dem Wissen, dass ich Kleingeld, wenn ich es als Rückgeld bekomme, immer lose in die Tasche werfe. Damit kann man eh nichts anfangen. Neben weiteren Goldmünzen erwischte mein Blick ein 5 Dollar Stück. Das müsste reichen. Bevor ich jedoch wieder auf mein Fahrrad stieg, zögerte ich kurz. Hatte ich die Karte wieder eingesteckt? Ich öffnete mein Portemonnaie. Ein Barcelona Zugfahrschein strahlte mich an. Mist. Vom Fahrradständer zurück zum Geldautomaten und von meiner Kreditkarte keine Spur. Ich öffnete wieder den Geldbeutel – dieser Fahrschein… Wieder verzweifeltes Lachen. Ich setzte mich erneut auf den Boden und durchforstete die Tasche. Da war die Karte.

Ich erreichte das Strand Hotel, das Grinsen war zurück, und entschuldigte mich vielmals bei dem Kellner. Gar kein Problem, fand er. „Und rate mal..“ „Was?“ „Wir haben mit deinem Handy ein paar Selfies gemacht.“ Das erst Mal, dass ich froh war, das nicht diese, sondern die Vorderkamera kaputt ist:     

Ich zahlte mit all dem Geld, das ich in meinen Geldtaschen finden konnte, bekam mein 75 Dollar Handy wieder und verabschiedete mich. 

Liebes Strand Hotel, danke für eure Geduld und euren Humor.

Die Reise in Afrika

Und Papa schreibt auch:

Noch nie zuvor ist einer unserer Familienurlaube so aufwändig vorbereitet worden; nie habe ich so viele Stunden nicht nur mit dem Finger auf der Landkarte, sondern mit den Augen im Internet verbracht, um die Qualität von Mietwagenfirmen zu vergleichen, Entfernungen zu schätzen, Campingplätze zu buchen, Reiseberichte erfahrener Afrika-Urlauber zu studieren, die in diversen Blogs darüber fachsimpelten, dass die Piste von x nach y im Soundso-Nationalpark nach der Regenzeit wegen Schlammlöchern unpassierbar sei, in der Trockenzeit aber wegen tiefer Sandstrecken auch kaum bewältigt werden könne.

 Also kurz: ich hätte mir viel zu viele Gedanken gemacht, fanden die Kinder. Aber vielleicht hatten sie auch nur diesen Eindruck, weil unsere Reise so reibungslos verlief, was wiederum ja daran gelegen haben könnte, dass ich mir vorher so viele Gedanken darum gemacht hatte…. Und außerdem: Ich hatte zuvor ja noch nie am Steuer eines Allrad-Pickups gesessen, oder in der Wüste übernachtet, oder an einem Ort gezeltet, wo auch wilde Tiere wohnen. Natürlich stellte sich vieles als nicht so sehr dramatisch heraus: Andererseits – schon am ersten Abend in der Namibwüste, wo wir in Klaras Nadeet-Camp nächtigten, kam das Kind nach dem Einbruch der Dunkelheit mit der freudigen Botschaft von der Toilette zurück, dass vor dem Männer-Plumpsklo ein großer Skorpion sitze, weswegen man sich bitte nur mit geschlossenen Schuhen dorthin bewegen solle.

  Und als uns der Elefant im Chobe-Nationalpark auf dem Weg mit wedelnden Ohren entgegenkam, war ich mir auch einen Augenblick lang nicht sicher, was jetzt die beste Reaktion wäre. Wir fuhren sachte rückwärts, und irgendwann schwenkte das große Tier freundlich seinen Kopf hin und her und bog zur Seite ab.

  Das Autofahren selbst war auch eine Herausforderung, wegen des Zustands der Straßen, aber auch wegen des Linksverkehrs und der Rechtssteuerung. Vor allem die Schlaglochpiste in Botswana zwischen Kasane und Maun wird uns in krachender Erinnerung bleiben: viele Löcher in der Teerstraße waren so tief, dass man fast mit dem halben Rad eintauchte, was unweigerlich passieren musste. Im Slalom versuchte ich immer wieder auszuweichen, aber irgendwann, nach dem fünften Manöver, lenkte man immer gerade noch an einem Krater vorbei und steuerte damit direkt in den nächsten hinein. 

  Das andere, weitaus kleinere Ärgernis bestand darin, dass ich mich die ganze Zeit nicht daran gewöhnen konnte, dass die Schalthebel um das rechts sitzende Lenkrad auch entsprechend spiegelverkehrt angeordnet waren; also schaltete ich regelmäßig den Scheibenwischer ein, wenn ich eigentlich den Blinker zum Abbiegen setzen wollte, und umgekehrt.

   In Namibia macht die Straßenpolizei gerne Kontrollen, indem sie die Fernstraße sperrt, alle Autos in einer Kolonne zum Anhalten zwingt, diese Manöver vor einem Stoppschild gelassen von einem schattigen Platz aus beobachtet, und dann lässig winkt, um die Weiterfahrt zu gestatten. Die Verkehrspolizei in Botswana hingegen ist mit einer üppigen Zahl von Geschwindigkeitsmessgeräten ausgestattet, die sie auch überall dort einsetzt, wo nicht die Schlaglöcher so häufig sind, dass sowieso alle langsam fahren müssen. Auf der langen Reise zurück von Maun nach Windhoek hatten wir schon mehrere Geschwindigkeitskontrollen am Straßenrand entdeckt, waren aber immer langsam genug, um nicht in Gefahr zu geraten, geblitzt zu werden. Schließlich erwischte uns aber doch eine Radarkontrolle in einer langgezogenen Ortschaft, in der noch die Begrenzung auf 60 Stundenkilometer galt, obwohl seit Kilometern kein Haus, kein Hof, nicht einmal mehr eine Rinder- oder Ziegenherde am Straßenrand zu sehen gewesen war. Der Officer winkte mich mit seiner Mütze zum Straßenrand und sagte strahlend, dass wir einen Verkehrsverstoß begangen hätten: ich sei 80 Kilometer schnell gewesen; 20 Km schneller als erlaubt. „Das sind 500 Pula“, teilte er mit, also 50 Euro. Ich hatte kurz zuvor getankt, und dabei versucht, so wenig botswanisches Geld wie möglich übrigzubehalten, da wir ja auf dem Weg zur Grenze nach Namibia waren, und es nicht mehr brauchten. „Ich habe leider nur noch 400“, sagte ich dem Polizisten. Das brachte ihn nicht aus seiner lächelnden Ruhe: „Dann kriegen sie einen Discount“, sagte er. Und sein Kollege, der auf einem Klappstühlchen daneben saß, und mit der Hand den umfangreichen Strafzettel ausfüllte, rechnete mit dem Taschenrechner aus, wie schnell ich gefahren sein müsste, um eine Strafe von 400 Pula zu verursachen. 77 Stundenkilometer kam heraus, und so trug er es dann auch in den Strafzettel ein. 

Am südlichen Wendekreis

  

Bei Mogli Zuhaus

Meine ältere Schwester meldet sich zu Wort und schreibt in diesem Gastbeitrag über unsere gemeinsame Reise. Schön, dass ihr da wart. Und danke für den Text Luise (oder wie ich zu sagen pflege:Gutschuden/ Anja). 

Zwei Wochen hatten wir Zeit für die Erkundung Namibias und Botsuanas – wie immer ein sportlicher Reiseplan. Nach monatelangem Warten war es endlich soweit und wir traten die wahnsinnig lange Flugreise (6h nach Qatar und von dort 11h nach Windhuk) an. Angekommen am Flughafen ließen wir die erste afrikanische Geduldsprobe über uns ergehen und warteten über zwei Stunden in der Schlange der Passkontrolle. Leicht übernächtigt fuhren wir dann noch 300 km westlich nach Swakopmund, wo Klara (oder wie ich zu sagen pflege: Haschita/Mogli/Anja) zu Hause ist. Wir fuhren – wie alle Touristen – in einem weißen Campingauto durch die beiden Länder, ein Dach- und ein Bodenzelt und zwei weitere Boxen mit Equipment im Gepäck. 

Für einen Familienurlaub auf engstem Raum verliefen die zwei Wochen ziemlich harmonisch. Man musste einfach akzeptieren, dass mein Papa sich konstant sorgte, dass die Straßen zu schlecht seien und wir nie ankommen würden, mein 17 jähriger Bruder Robert sich weder für Elefanten noch Giraffen begeistern ließ und alles mit einer nicht enden wollenden Gleichgültigkeit hinnahm, während Klara irgendwann einen imaginären Löwen namens Mirabel besaß, zu dem sich später ein imaginärer Leopard namens Akascha gesellte. Verwirrenderweise verkörperte sie auch selbst manchmal eine ihrer Großkatzen. Fabi fand alles ziemlich cool und hatte bis auf seine – biologisch und geographisch nicht ganz korrekte –  Angst einem Tiger auf dem Weg vom Zelt zu den Waschräumen zu begegnen, keine weiteren Probleme mit der afrikanischen Eingewöhnung. 

Schnell hatte sich eine Routine entwickelt was abends den Zeltaufbau und das Kochen betraf. Man versuchte möglichst nicht mit Papa in ein Zelt zu kommen, um seinem ohrenbetäubend Schnarchen zu entgehen. Bevor es soweit war, bereiteten wir alles, was der Spar-Supermarkt so zu bieten hatte auf unserem kleinen Campingkocher zu. Sehr zur Freude meines Bruders gab es häufiger Steak und seltener Gemüse (vor allem seitdem Fabi ein Zucchini Veto eingelegt hatte). Nach dem Essen spielten wir bei einem oder auch zwei Plastikbechern Savanna (südafrikanischer Apfelwein) noch Doppelkopf, bis wir gegen 22 Uhr erschöpft in die Schlafsäcke krochen. Die Nächte waren unterschiedlich erträglich, abhängig davon, ob es anfing zu regnen oder man sich ewig überlegen musste, ob man sich nochmal raustrauen sollte, um aufs Klo zu gehen. Als Klara sich eines Nachts dazu entschied, kletterte sie auf dem Rückweg von den Waschräumen erstmal die Leiter von unseren Nachbarn hoch – wohl im Dachzelt geirrt. 

Safari bedeutet lange Autofahrten. Während Klara – DJ K – zunächst für musikalische Untermalung sorgte und ich auf meinem Schoß die ewigen Salami oder Käse? Brötchen zubereitete, fuhren wir über die ewigen Straßen in die ewige Weite Namibias und Botsuanas. Man kann so weit schauen, Steppe, Buschland, so weit das Auge reicht, immer geradeaus, kein Gegenverkehr. Literarisch begleiteten mich zäh und langwierig die Buddenbrooks auf dieser Reise und während Antonie eine furchtbare Ehe nach der anderen einging, ruckelten wir über die Schlaglöcher, durch Pfützen und tiefen Sand. 

Auf unserem Reiseplan standen zunächst ein Abstecher in Klaras Projekt in der Namib Wüste. Noch heute pule ich mir rote Sandkörner aus Augenbrauen und Ohren. Trotzdem war es fast schon ein magischer Ort, fernab von jeglicher Zivilisation mit einem atemberaubenden Sternhimmel. Dann ging es Richtung Norden. Wir machten eine kleine Wanderung am Waterberg und fuhren dann in die Etosha Pfanne, ein Nationalpark der vor Wildlife nur so überquellt. Kaum fünf Minuten nachdem wir den Park betreten hatten, trafen wir auf seine Majestät den Löwen! Er war tatsächlich der einzige seiner Art, den wir sichteten, doch es folgten viele Zebras, Giraffen, Antilopen aller Art (das immerwährende Impala, was noch langweiliger als das heimische Reh war), Flamingos und später in Botsuana noch Krokos, Hippos und viele viele Elefanten. Fabi fertigte brav eine Liste mit allen Tiersichtungen bis hin zur Gottesanbeterin auf der Toilette eines Campingplatzes in unserem Reisetagebuch an. 

Die Einreise nach Botsuana wurde uns fast verwehrt, da Papa keine Geburtsurkunden der Jungs mitführte und die botsuanische Passbeamtin deshalb misstrauisch war, ob er nicht vielleicht Childtrafficking betrieb. Nur mit viel Überredungskunst und dem Versprechen die Geburtsurkunden bis zu unserer Ausreise organisiert zu haben, damit sie nicht ihren Job verlöre, ließ sie uns ins Land. Wir besuchten den Chobe Nationalpark, in dem absoluter Elefanten- Overload herrschte. 37.000 Dickhäuter lebten dort, vier mal so viel wie das Gebiet ökologisch vertragen konnte, 130.000 sind es im ganzen Land (während das arme ewig gejagte Nashorn nur noch mit einer Stückzahl von 35 vertreten ist). Trotzdem waren wir jedes mal sehr entzückt, wenn wir eine Elefantenfamilie am Straßenrand antrafen, vor allem wenn sie kleine Elefantis dabei hatten. Manchmal war es allerdings auch etwas gruselig, wenn man um eine Ecke bog und plötzlich kam dir mitten auf der Straße der Elefantenbulle entgegen.

Vom Chobe aus machten wir noch einen Tagesausflug nach Simbabwe zu den wahnsinnig beeindruckenden Victoria Fällen, die dank der Regenzeit noch größer und gewaltiger waren, man allerdings auch klatschnass wurde auf dem Weg, der zu verschiedenen Aussichtspunkten führte. Das fand mein Papa nicht so toll und wurde sauer, dass wir nass waren, weil wir keine Regenjacken eingepackt hatten, das habe er doch extra gesagt. Dank seiner Regenjacke war er trocken geblieben. Trotzdem bestand er darauf, dass wir uns jetzt eine schöne Wiese suchen sollten, um wieder zu trocknen.. Und er marschierte voran, um diesen Plan zu verwirklichen, aber finde mal eine schöne Wiese in Simbabwe.. Schließlich tat es auch ein nettes Restaurant, wo wir in der Sonne sitzen konnten, bis wir die T-Shirts immerhin nicht mehr auswringen konnten. 

Die letzte Nacht auf einem Campingplatz verbrachten wir in kompletter Wildnis, das heißt es gab keinen schützenden Zaun drum herum. Klara kam mit der Nachricht von der Rezeption zurück, dass Löwen, Leoparden und Elefanten sich auch ins Camp chillen würden. Wir hofften alle, es würde nicht stimmen und sie würde uns nur was vorschwindeln, aber als dann nachts die Hyänen aus nächster Nähe anfingen zu heulen, hielten wir alles für möglich. Dann kommt einem so eine Zeltwand schrecklich dünn und unsicher vor, aber ein bisschen Abenteuer muss sein und davon hatten wir in diesen aufregenden zwei Wochen wirklich jede Menge. 

Meine Schwester an den Vic Falls

Deadvlei bei Sossusvlei
Auf dem Waterberg

Namibische Unabhängigkeit

In Swakopmund, 21. März.

Gestern, am späten Nachmittag, auf dem Rueckweg von meiner Arbeit stieß mir der Braai- Geruch, also der Geruch vom Grillen, in die Nase, sobald ich in die ersten Straßen unseres Wohnviertels einbog.  Das muss noch nichts heißen, hier gibt es irgendwie immer einen Anlass für ein Braai.

Am Abend, gegen 19 Uhr bekamen unsere Nachbarn Gäste, die mich bis spät in die Nacht wachbleiben ließen.

Grund für diese Festlichkeiten:

Heute feiert Namibia 28 Jahre Unabhängigkeit. 

Eigentlich dachte ich, ich würde zu ebenso lauter Umgebung aufwachen, zu der ich eingeschlafen war. Aber als ich heute morgen auf meinem Fahrrad durch die Stadt zur Arbeit fuhr, waren die Straßen wie leergefegt, um mich herum alles ruhig. 

In meinem bisherigen Leben habe ich noch nicht in einem Land gelebt, das seine Unabhängigkeit feierte. Wenn ich genauer überlege, dann habe ich ausgerechnet in den Ländern gelebt, die mit ihrer Geschichte Verursacher der gegenwärtigen Unabhängigkeitsfeiern sind, wie unter anderem auch Deutschland. Auch wenn Deutschlands Kolonialgeschichte nicht ganz so groß geschrieben wird wie die von Großbritannien, Frankreich oder Portugal – es gab auch eine. Und diese ist Grund dafür, dass in Namibia heute Feiertag ist.

Also etwas zu Namibias Geschichte:

Ganz ursprünglich gab es im 15. Jahrhundert (1486 um genau zu sein) einen Portugiesen, Diego Cao, der an der Küste Namibias (etwa 130km noerdlich von Swakopmund) ankam und ein Steinkreuz errichtete, als Zeichen der Inbesitznahme des neu entdeckten Gebiets durch Portugal. Mittlerweile haben ganz andere Siedler das Cape Cross aufgesucht. Robben kolonisieren das Kap und die im Meer liegenden Felsen. Sie sind der Grund, weswegen Besucher an diesem Küstenteil vorbeischauen, das nachgebildete Steinkreuz und dessen Historik in den Hintergrund rückend. Ich selbst habe mir das Robbenerlebnis noch nicht angetan. Mir wurde aber auch davon abgeraten, der Geruch soll bestialisch sein und Robbenbabys sollen auf die Welt kommen, neben anderen Robben, die schon etwas verwest herumliegen. Ich glaube, das kann ich mir sparen. Aber zurück in die Vergangenheit…

Kurze Zeit später landete ein weiterer Portugiese an der Küste Namibias, in der heutigen Lüderitzbucht. Auch er rammte hier ein Steinkreuz in den Boden und nannte die Bucht Pequena Angra.

Mehrere Jahrhunderte später vereinbarte Adolf Lüderitz, ein deutscher Kaufmann, mit einem wichtigen Anführer der Nama, den Kauf eines Gebiets. Er erwarb die Bucht Pequena Angra einschließlich eines  Gebietes im Binnenland. Bismarck, der deutsche Reichskanzler, wies ihn darauf hin, dass das gekaufte Gebiet in britischen Meilen abgemessen werden würde, im Kaufvertrag wurde das aber nicht genauer vereinbart.  Lüderitz bestand darauf, seinen Erwerb in preußischen Meilen abgemessen zu bekommen, die etwa viermal länger waren als die britischen. So kam es, dass er schlussendlich den Nama ein Gebiet abkaufte, dass 16mal größer war, als sich beide Seiten anfangs vorgestellt hatten. 

Lüderitz hoffte sehr, in seinem  großen Land auf Bodenschätze zu stoßen. Bismarck liess  1884 die Welt wissen, dass Lüderitzland unter dem Schutz des Deutschen Reiches stehen würde. Die erste offizielle Flaggenhissung fand noch im selben Jahr stand. Mit weiteren Verträgen und einfachen Landergreifungen vergrößerte sich das Land „Deutsch- Südwestafrika“ (habe immer ein ungutes Gefühl, wenn ich diesen Namen höre) gewaltig. Namibia war Deutschlands erste Kolonie in Afrika und mit der Zeit kamen auch immer mehr deutsche Siedler, die sich hier niederließen. 

Gerne wird die Berliner Afrika- Konferenz (1884-1885) als das Ereignis dargestellt, dass die den Kontinent Afrika unter imperialistischen Mächten aufteilte. Anwesend waren Vertreter europäischer Mächte, aber auch aus den USA und dem Osmanischen Reich. Eigentlich hatte die Aufteilung des Kontinents aber schon längst, vor der Berliner Konferenz, begonnen. Großbritannien, Frankreich und Portugal, nur um einige zu nennen, waren schon länger in Besitz von Kolonien oder Gebieten Afrikas. Trotzdem wurden bei besagter Konferenz willkürlich geographische Grenzen gezogen, die heute noch weitgehend Geltung haben. Die lokale Bevölkerung spielte hierbei keine Rolle.

Wie es gewesen sein muss unter einer Kolonialherrschaft zu leben, muss ich, denke ich nicht schildern. Es herrschte auf jeden Fall viel Krieg und Gewalt – sowohl bei den verschiedenen und jetzt doch zusammengewürfelten Bevölkerungsgruppen untereinander, als auch in Form von Aufständen gegen die Kolonialmacht Deutschland, wie zum Beispiel die der Herero oder der Nama (1904- 1908), die auf brutale Weise von den Deutschen niedergeschlagen wurden. Auf der Rundreise mit meiner Familie in den Osterferien werden wir am Waterberg übernachten, wo sich damals Schlimmes zugetragen hat. 

Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs war für Deutschland auch die Zeit als Kolonialmacht vorbei. Gemäß des Versailler Vertrags gingen deutsche Kolonien an den Völkerbund (später UN), der das Mandat über Namibia an die britische Krone erteilte (1921). Diese wiederum betraute Südafrika mit der Verwaltung der ehemaligen  deutschen Kolonie. Schon während des Krieges hatten südafrikanische Truppen Teile des deutschen Kolonialgebiets besetzt, weswegen Südafrika Namibia bald als eigene Provinz betrachtete. Es wurden auch mit großer Unterstützung der mehrheitlich deutschstämmigen weißen Minderheit die südafrikanischen Apartheidsgesetze eingeführt und durchgesetzt. Südafrika profitierte außerdem von den reichen Bodenschätzen entlang der südlichen Küstenregionen Namibias. Homelands wurden geschaffen und Zwangsumsiedlungen durchgeführt, denn Städte wie z.B. Windhoek sollten nur von Weißen bewohnt werden. 

Um das alles so kurz wie möglich zu halten (wenn es nicht sowieso schon zu spät dafür ist):

1966 bewerteten schließlich die Vereinten Nationen die Machtausübung Südafrikas über Namibia als Missbrauch des UN-Mandats. Es wurde ihnen noch im selben Jahr entzogen, aber das kümmerte die südafrikanische Regierung herzlich wenig. Zu diesem Zeitpunkt gab es in Namibia, vor allem im Norden zu Angola hin, bereits die SWAPO, die South-West Africa People’s Organisation und weitere Widerstandsbewegungen, die ebenfalls 1966 einen bewaffneten Konflikt mit südafrikanischen Truppen und deren Apartheidgesetzen begannen. Es war ein ewiges Hin und Her. Viele SWAPO Anhänger flüchteten nach Sambia ins Exil. 

Der internationale Druck auf Südafrika stieg und stieg und erst als der internationale Gerichtshof urteilte, Namibia werde  unrechtmäßig von Südafrika besetzt, begann erstes diplomatisches Ringen um die Unabhängigkeit und Wahlen in Namibia, natürlich auch unter internationaler Aufsicht.

Am 21. März im Jahr 1990 trat schließlich die neue Verfassung unter dem SWAPO Präsidenten Sam Nujoma in Kraft. Seit 1990 regiert ununterbrochen die SWAPO. „Namibia“ sollte das unabhängige Land heißen, benannt nach der Namib, dem  Khoekhoegowab (Sprache der Nama) Wort für „Wüste“.

So gesehen ist Namibia eines der letzten afrikanischen Länder, die sich formell ihre Unabhängigkeit erkämpft haben. 

Trotzdem heißt das nicht, dass gleichzeitig viele Probleme gelöst wurden. Die Kolonialzeit, das ständige Bekriegen, die Apartheid und Unterdrückungen sind, meiner Meinung nach, schlecht verheilte Narben, wenn sie überhaupt schon als solche bezeichnet werden können.

Namibia bedeutet für mich so viel und ist so schwierig in Worte zu fassen. Ich finde, die Sonne in der Flagge Namibias macht das symbolisch ganz gut. Sie hat  12 Zacken. Jeder Zacken der Sonne steht für eine andere ethnische Gruppe des Landes. Von den Himba, Herero und Ovambo bis hin zu den Weißen und den San.

Ein Artikel aus der Zeitung „The Namibian“ aus 2014.

https://www.namibian.com.na/index.php?id=130510&page=archive-read
Und zusätzlich muss sich das Land mit solchen Deppen auseinandersetzen. Trump.

www.welt.de/politik/ausland/video172576412/Shithol

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