Willkommen

 

                                                                                                                                                    Berlin

Liebe Leserinnen und Leser,
liebe Freundinnen und Freunde,
willkommen zu meinem Blog. Ich werde hier hoffentlich regelmäßig Beiträge, Bilder, Erfahrungen und Erkenntnisse teilen, die ich innerhalb eines Jahres als Freiwillige in Namibia machen werde. Für ein Jahr werde ich in einem Projekt für Umwelterziehung arbeiten, das zum Großteil von Schulklassen besucht wird. Ich habe mich für einen Freiwilligendienst im Ausland entschieden, der mit meinem Abflug in nur wenigen Tagen beginnen wird, weil ich mir noch unsicher war, wie mein Leben als Studentin aussehen sollte. Ich habe schon viel über Namibia gelesen und erzählt bekommen, kann es aber trotzdem nicht erwarten, dass meine Reise losgeht.

Klara

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Hervorgehobener Beitrag

Hermann aus Holland

22. Dez, Südafrika 
Während unserer großen Weihnachtsferienreise durch Botsuana und Südafrika  planten wir an diesem Tag, in einen Nationalpark zu fahren. Davon gibt es in Südafrika sehr viele. An den Namen des Parks kann ich mich schon gar nicht mehr erinnern.

Nachdem unser Auto, das nach dem Kalahari-Unglueck und nicht mehr über einen Unterbodenschutz  verfügte, durch die tiefen Pfützen (es hatte in der Nacht wie aus Eimern gegossen) und vorsichtig über die Schotterpisten bis in dem Park gequält wurde, ging es los. Es gab so viele Zebras, Giraffen und Antilopen. Obwohl ich schon anderswo viele dieser Tiere gesehen habe, ist es doch immer wieder schön, vor allem Giraffen und ihre elegant tollpatschige Art zu beobachten.

Die eigentliche Geschichte beginnt aber erst nach dem Verlassen des Parks. Beide Autos kamen auf der Straße nebeneinander zum Halt, weil wir uns besprechen mussten, wo wir denn in dieser Nacht campen wollten, als plötzlich neben unserem ein weiteres Off-Road Monstrum zum Stehen kam. Der Fahrer, ein weißer Mann jüngeren älteren Alters (wie sagt man das nett?) ließ die Fensterscheibe runter und fragte, ob wir ein Problem häetten. „Nein, nein, kein Problem, aber gibt es denn einen Camping Platz hier in der Nähe?“ „ Hmm ja es gibt einen, was braucht ihr denn?“ „ Ach, nur einen Ort wo wir unsere Autos unterstellen können.“ „ Das könnt ihr doch auch bei mir machen, kommt mit, ich habe alles. Ich habe sogar ein Weingut.“ 
Jetzt, wenn ich so darüber nachdenke, ist  „ich habe ein Weingut“ sicherlich das für unser Alter passende „ich habe Kaninchen/  Hundewelpen zu Hause“, eine Floskel, vor der man als Kind doch eigentlich ausreichend genug gewarnt wurde… Trotz Einreden und Warnungen aus unserer Kindheit, klang das Weingut doch ziemlich verlockend.  Der gute Herr hatte uns überzeugen können und schon fuhren wir ihm (wir waren immerhin zu zehnt!!!!!!!) mit den Autos hinterher. Was für eine Schande, wären wir Opfer unserer Hinterkopfgedanken geworden. 

Denn da kamen wir an, im Weinwunderland. Wir durften die Autos an dem seitlichen Garten des großen Familienhauses parken. Der Mann stellte sich uns als Hermann vor. Er kam aus Holland und sagte, Weinbauer sei  er nur als Hobby. Nachdem er uns Pool, Whirlpool und Sauna gezeigt hatte, versprach er uns für den Abend auch Wein. Dann führte er uns weiter, durch den riesigen Schuppen – seinen  Weinkeller  –  und erklärte Schritt für Schritt, wie er arbeitete. In einem weiteren Schuppen stand ein Quadbike und schon durften die ersten von uns darauf abdüsen. Sie sollten dort und dort entlang fahren und wir würden sie am Fluss treffen.

Der Einblick in Hermanns Hobby und sein Leben bestätigte mich in meinem Vorhaben, später auch einmal ein eigenes Weingut zu betreiben.                      Bevor wir dann aber an den Fluss fuhren bin ich nochmal schnell in das Badezimmer des Poolhauses gegangen, das wir, wie alles andere, mitbenutzen durften. Ich warf einen Blick in den Spiegel und sah in mein dreckig verstaubtes Gesicht, das sich in seiner Dunkelheit deutlich von den edlen Kacheln der Badezimmerwand abhob. Neben mir eine Dusche, wie ich sie lange nicht mehr gesehen hatte. Beim Händewaschen wurde ich eine Dreckschicht los, die das Wasser braun färbte. Ich befand mich in einem dieser Bäder, die neben der Seife einen weiteren Druckbehälter mit Handcreme gefüllt stehen haben. Natürlich verwendete ich zuerst die Handlotion zum Händewaschen und inspizierte danach leicht verwirrt den Inhalt beider Gefäße. Es war eines dieser noblen Bäder, wie es sie manchmal in Hotelzimmern gibt.

Mit den weichesten Händen und einem sauberen Gesicht verließ ich das Bad und kletterte zu den anderen auf den Pickup Wagen, bei dem Hermann schon am Steuer saß. Es war zu merken, dass die Sonne bald untergehen würde und trotzdem war es noch warm genug für kurze Kleidung. Als wir am Fluss ankamen und ich (nach meinem tollen Badezimmerbesuch…) die Einer- und Zweier Paddelboote auf dem Bootständer sah, dachte ich, ich würde vor Überraschung und Freude von der Ladefläche fallen.

Wie konnte das möglich sein?! Schmale, alte plastik Rennkayaks mit Carbonpaddel. Ich traute meinen Augen nicht. Als Hermann dann schließlich fragte, wer denn alles paddeln wollte, ist es eigentlich keine Frage, was ich antwortete und schon saß ich in dem roten Einer. Vor wenigen Stunden, als wir noch durch den Nationalpark fuhren, nervte ich meine Mitfahrer im Auto mit den verschiedensten Fragen. Unter anderem der, wie sie denn ihre Rennruderboote nennen würden, wenn sie eines hätten. Auf solchen Reisen ist es schwierig seinen sportlichen Tätigkeiten nachzugehen. Fußball fängt erst im Februar wieder an und  das Laufen war zu diesem Zeitpunkt auf unserer Reise auch noch nicht möglich gewesen… und dann auf einmal ein Paddelboot. Das Paddeln ist die größte sportliche Leidenschaft meines Vaters und für uns alle eine Art Familiensport geworden. 

Es war wunderbar die Ruhe auf dem Wasser wieder für sich zu haben (die so lange anhielt, bis die anderen auch auf die Idee kamen in ein Boot zu steigen und unter lautem Geschrei kenterten). Die Ufer waren beschmückt mit hohem Schilf in dem kleine knallrote Vögel ihre zarten Neste bauten. Nach Sonnenuntergang wurden wir dann wieder in das Auto geladen und es ging zurück zum eigentlichen Anwesen.

Später veranstalteten wir eine kleine Pool Party – es gab ein wenig sehr guten Wein und nach ein bisschen Zeit am Lagerfeuer kam Hermanns Frau aus dem Haus und brachte uns die Reste ihres Abendessens. Sie hatten neben uns noch Familie zu Besuch und wir bekamen Kartoffelgratin und unglaublich leckeres Fleisch. Nach einer Dusche im Luxusbad haben wir zum kontinuierlichen Quaken der Kröten Schlaf in den Dachzelten unserer Autos gefunden. 

Tschick – Momente

                                  19, Dez auf dem Weg nach Gaborone, Botsuanas Hauptstadt 

Um ehrlich zu sein, muss ich an erster Stelle schreiben, dass ich eigentlich echt kein besonders großer Fan vom preisgekrönten Jugendroman „Tschick“ bin. Anders als fast jeder Erwachsene, mit dem ich über das Buch gesprochen habe… Die Erwachsenen finden das Buch toll und die Kinder fragen sich, was denn eigentlich in dem Roman so Besonderes passiert.

Und trotzdem hat das Buch bei mir immerhin einen so bleibenden Eindruck hinterlassen, dass ich mir manchmal denke: „Das war ein Tschick- Moment“.  Ich bin jetzt nicht so weit, dass ich Ladas stehle, aber als ich beispielsweise in der Wüste während der Arbeit von einer Mitfreiwilligen das Autofahren beigebracht bekommen hatte, barfuß meine dreckigen Füße die warme Kupplung und das Gaspedal treten spürte, blickte ich von außen auf die Situation und sah mich doch in einem dieser Tschick- Momente… und vielleicht fange ich auch jetzt erst so richtig an, das Buch und die Erwachsenen zu verstehen. 

Einen so ähnlichen Tschick- Moment gab es auch im Urlaub. Eigentlich könnte man behaupten, die Übernachtung bei Hermann dem Weinbauern sei auch einer dieser Momente gewesen. Aber noch vor unserer Bekanntschaft mit Hermann passierte das:

Wir waren, weil wir nicht weiter mit dem kaputten Auto durch das Kalahari Game Reserve fahren konnten, umgekehrt, um Gaborone, Botsuanas Hauptstadt, über eine Teerstraße zu erreichen. 

Die Straßen Namibias, aber auch die in Botsuana sind nicht viel befahren, sodass Staus eigentlich selten vorkommen. Nach etwas Fahrzeit trafen wir ungewoehnlicher Weise auf eine Autoschlange vor uns. Nichts ruehrte sich. Manche Fahrer waren schon aus ihren Autos gestiegen, um herauszufinden, weswegen es zu dem Halt kam. Ganz weit vorne, am Kopf der Schlange konnte man gerade so ein paar Polizisten erkennen. Mein Blick schweifte einmal im Panorama über die Gesamtsituation und dann sah ich, in der Naehe der Polizisten, abseits der Straße ein kleines Feuer. Davor noch lagen komisch braune Hügel im Gras. Wir konnten uns alle noch nicht ganz zusammen reimen, was hier passiert gewesen wäre. Spekulationen und Minuten vergingen und als die Autos vor uns wieder ins Rollen und unsere Fahrerin schnell von der Unfallstelle zurück ins Auto kamen, erzählte sie beim langsamen Vorbeifahren, dass am Tag zuvor ein Transporter mit Kühen umgekippt war. Viele Kühe kamen ums Leben oder wurden schwer verletzt, sodass Polizei und andere Verantwortliche seitdem die toten Kühe von ringsherum einsammeln und am Straßenrand verbrennen müssten. Und tatsächlich,  nachdem wir am Feuer vorbeifuhren, auf das in diesem Moment von einem Traktor ein weiteres, aus der Gabel herunterhaengendes Rind geworfen wurde, stand der am Tag vorher umgefallene Lastwagen nur wenige Meter dahinter. Ein Blick hinein, noch immer lagen tote Tiere in Blutlachen im Bauch des LKWs .

Bei Tschick endet das Abenteuer der beiden Jungs mit dem Unfall des Schweinetransporters auf der Autobahn. Manche Tiere starben und andere suchten in der Freiheit ihr Glück. Ich kann mich an die Buchszene erinnern, in der Maik entsetzt war, weil er überall Schweineblut auf sich hatte und wollte mir gar nicht vorstellen, wie das Unglück des Kuhtransporters ausgesehen haben musste. Solche Sachen wie sie Maik und Tschick erleben, passieren wirklich. Wenn nicht auf dem Weg in die Walachai, dann irgendwo auf den Straßen Botsuanas.

Der Weg war das Ziel

Botsuana war für unsere lange Weihnachtsreise eigentlich nur als Durchreiseland eingeplant gewesen. 

Nach langem Warten am Grenzübergang rollten wir auf botsuanischen Boden. An den Straßenrändern weideten Ziegen und Kühe, die sich vom Verkehr nicht aus der Ruhe bringen ließen, eher die vorbeifahrenden Autofahrer nervös machten. Entweder wurden große Schlenker um die Tiere herumgefahren oder es wurde gewartet, bis sie sich endlich von der Straßenmitte trennen konnten und eine Durchfahrt möglich machten.

Ansonsten war die Bewucherung der Straßenränder viel grüner als in Namibia, die Bäume größer, sie trugen mehr Blätter. 

Am zweiten Tag in Botsuana erreichten wir das erste Reiseziel: das Central Kalahari Game Reserve. Geplant war eine Durchreise durch eben dieses Reservat um dann weiter Richtung Süden nach Gaborone, der Hauptstadt Botsuanas, zu kommen, wo wir drei neue Mitfahrer/Innen einsammeln würden.

Während unserer Reiseplanung meinte ich, dass ich nicht unbedingt in eine Wüste fahren müsste. Ich war zur Arbeit  im November erst in der Namib gewesen und habe mir im heißen Wüstensand ordentlich die Füße verbrannt. Wüsten im Sommer machen nicht so viel Spaß. Es fand sich aber ein Konsens für das Besuchen der Kalahari und deswegen standen wir nach einem Höllentrip durch dicken Sand vor dem nördlichen Tor des Kalahari Naturreservats. 

Als ich meiner Chefin von unserem Vorhaben berichtete, runzelte sie die Stirn (na gut, das ist keine Seltenheit) und meinte, dass wir auf jeden Fall gute Autos bräuchten, um diese Sandpiste, die sich durch das ganze Game Reserve zieht, zu bewältigen. Der Sand sei dicht und schwer. Recht hatte sie. Wir waren mit zwei Toyota Hilux mit Dachzelten und Allradantrieb ausgerüstet. Autos, die für solche Strecken gebaut wurden.

Um ehrlich zu sein glaube ich, dass die anderen ein wenig enttäuscht waren. Sie hatten sich eine Wüste mit großen Sanddünen vorgestellt, wie es sie in Swakopmund auf dem  ganzen Weg bis nach Walvis Bay gibt. Eine Wüste, wie ich sie beschrieben hatte, als ich von der Arbeit aus der Namib zurückkam. Mit schönen Wüstendünen, einem Blick in etwas Unbestimmtes und einer ertragbaren Einsamkeit.

Wenn jemand das Leben in diesen unvorstellbar schönen Teilen der Wüste beschreiben kann, dann weiß ich nicht, wer treffendere Worte findet, als der kleine Prinz: „Ich habe die Wüste immer geliebt. Man setzt sich auf eine Sanddüne. Man sieht nichts. Man hört nichts. Und währenddessen strahlt etwas in der Stille.“ 

Für meine Mitfahrerinnen war das, wo wir uns am Rand der Kalahari befanden, keine Wüste. Für eine typische Sandwüste, so wie sie erhofft und erwartet wurde, gab es zu viele Bäume und Gestrüpp, zu viel offensichtliches Leben und überhaupt befänden wir uns doch nur im dichten Busch. Geräusche von Vögeln und lautes Buschgezirpe ließen das ersehnte Strahlen in der Stille nicht zu. 

Der Campingplatz versprach nicht viel, aber das Nötigste. Es gab eine flache Ebene, auf der wir die Autos parken und unsere Dachzelte aufbauen konnten. In der Nähe gab es einen Wasserhahn und einen Waschraum. Der Waschraum hat sich, wie es schien, mit der Zeit in ein eigenes, kleines Biotop verwandelt, bewohnt von jeglichen Spinnentieren, anderen ungeheuren Ungeziefern und einer Eule. Es sah nicht danach aus, als befänden wir uns an einem regelmäßig besuchten Urlaubsort. Spätestens am Abend schwang die Stimmung der Wüstenenttäuschung um.

Wir fuhren am späten Nachmittag an ein Wasserloch in der Nähe und trafen dort auf zwei Elefanten. Wir beobachteten sie für Ewigkeiten, die Tiere trinken aber auch echt langsam. Wir atmeten den magisch klischeehaften „Afrika Safari Moment“ noch einmal tief ein. Am nächsten Morgen wollten wir früh los. Wir hatten nur Sandstrecke vor uns und hofften, in den frühen Stunden außerdem noch ein paar Tiere zu sehen. 

Als wir am nächsten Tag aufbrachen war es tatsächlich erst 6 Uhr am Morgen. Nach 20 Kilometer Fahrt kamen wir erstmals zum Halt. Die Straße entlang, ganz weit hinten bewegte sich etwas. Ein Elefant kam uns entgegenlaufen. Er lief auf unserer Straße immer weiter auf uns zu, als gäbe es uns nicht. Als sich dann herausstellte, dass er ein Elefantenbaby im Schlepptau hatte überkam uns eine kleine Panik. Uns trennten schließlich vielleicht 10 Meter, bis sie auf die Gegenspur wechselten. Wir fuhren immer noch nicht und redete man im Auto zu laut, kassierte man sofort vier zischende „PSST“s als Antwort. Wir konnten die Tiere nicht mehr sehen, weil Bäume und Grünzeug zu nah aneinander wucherten. Als wir kurz davor waren weiterzufahren entdeckten wir die Elefanten endlich wieder. Sie standen in ihrer vollen Größe auf der gegenüberliegenden Straßenseite auf unserer Höhe. Also wieder Schweigen. Irgendwann sind wir, als wir uns versichern konnten, die Elefanten wären weit genug weg, auch endlich wieder losgekommen.

 Den nächsten Stopp gab es dann 15 Kilometer später. Wir blieben mit dem Auto im Sand stecken. Trotz 4×4, also Allradantrieb.  Ich kenne mich mit Autos nicht sonderlich gut aus. Jedenfalls waren die Hinterreifen komplett im Sand versunken und der Bauch des Autos setzte auf dem Grund auf. Eine Mitfahrerin von uns hatte da glücklicherweise mehr Erfahrung. Zu Hause schraubt sie gerne an Autos rum und Off-road Fahren wäre wohl auch ihr Ding. Sie übernahm das Kommando, das lautete erstmal „buddeln“. Dann versuchte sie mit dem anderen Auto unser Auto aus dem Sand herauszuziehen. Nichts. Wir versuchten alles Mögliche, aber da war nichts zu machen. Um die Situation nicht noch zu verschlimmern, beschlossen wir, dass ein Auto zum Tor zurückfahren sollte, um dort Parkranger um Hilfe zu beten. Ich blieb mit 2 anderen Mädels bei unserem Sandauto. Nach 2 Wartestunden zwang uns die brennende Sonne, uns ernsthaft mit der Wirklichkeit auseinanderzusetzen: wir befanden uns mit einem nicht fahrtüchtigen Fahrzeug in der Wüste. Als wir dann eine giftige Baumschlange entdeckten, zogen wir uns in das Auto zurück und warteten drei weitere Stunden auf Hilfe. Dann endlich kam die Off-road Expertin mit 2 Rangern auf der Rückbank des Autos angefahren. Fragend schauten wir sie an… wollten die das Auto raustragen oder wie haben die sich das vorgestellt? Das Rettungsfahrzeug, ein Traktor, das ursprünglich auch zu uns kommen wollte, musste wegen Überhitzung nach der Hälfte der Strecke umkehren. Die Ranger fingen an mit einer Axt Bäume und Äste niederzulegen. So tut jeder sein Teil für die Desertifikation. Sie legten das Holz unter die Reifen, schippten mit einem Spaten weiteren Sand beiseite und versuchten, wie wir, das lahmliegende Auto, an einem Abschleppseil mit dem anderen Auto verbunden, herauszuziehen. Es tat sich nichts. Die beiden Jungs haben alles versucht. Es wurde immer wärmer und wir kamen wortwörtlich kein Stück voran. Die Ranger schippten und hackten weiter. Wir boten unsere Hilfe an, konnten aber kaum etwas machen, als hoffnungslos zuzusehen. Irgendwann haben wir uns, um vor der Sonne Schutz zu nehmen, in das eine Auto gesetzt, mit dem Anna zurückgekommen war. Auf der Rückbank lag ein Gewehr. Ich hatte total vergessen, dass ich am Eingangstor des Parks noch ein Plakat über Verhaltensweisen durchgelesen hatte, an die man sich halten sollte, wenn man mit Löwen in Kontakt treten würde. Scherzeshalber hatte ich die Regeln noch laut vorgelesen – ich wünschte, ich hätte sie mir mehr zu Herzen genommen, denn dieses Gewehr beunruhigte mich doch ein wenig. Die Stunden vergingen nur langsam und die Hitze gar nicht. Zum Glück hatten wir genügend gefüllte Wassercontainer in unserem Auto. Das Wasser war zu diesem Zeitpunkt badewannenwasserwarm. Warm genug, dass ich mir in dieser aussichtslosen Situation schließlich einen Instant Coffee machen konnte. Ich verteilte den warmen Kaffee an meine Mitleidenden und die Ranger. Es wurde immer später und es war gegen 18h als wir endlich Motorgeräusche aus der Ferne vernehmen konnten. Leute kamen mit zwei riesigen Land Cruisern. Sie parkten ihre Fuhrwerke abseits der Straße, verbanden unser verfluchtes Auto mit ihrem und nach einem Ruck flog es endlich aus der Sandstrecke heraus. Schwuppdiwupp. Alles kein Thema. 

Es gab da aber noch ein Problem. Der rechte Vorderreifen drehte sich schon bei den unermüdlichen Bemühungen der Park Ranger nicht mehr. Vielleicht hatte sich einfach nur zu viel Sand gesammelt. Auf unserem Rückweg ließ uns ein laut klackerndes Geräusch allerdings nichts Gutes ahnen. Wir kamen trotzdem und endlich gegen 19.30 Uhr wieder am Eingangstor an, schenkten unseren beiden Ranger-Freunden all unser Bier und durften eine weitere Nacht umsonst auf dem Campingplatz bleiben. Wir duschten unter unseren Wasserkanistern, weil wir uns in die Duschen des Waschraums nicht trauten und entschieden, am nächsten Morgen den Weg, heraus aus dem Park, zurückzufahren und eine Teerstraße nach Gaborone zu nehmen.

Folglich brachen wir am darauffolgenden Tag wieder früh auf. Wir hatten ja erneut Sandweg vor uns, sind erneut drei- oder viermal steckengeblieben, haben es manchmal alleine aus dem Sand geschafft, manchmal die Hilfe Anderer in Anspruch nehmen müssen. Wir stellten fest, dass Grund unseres langsamen Vorankommens und der vielen Unterbrechungen ein kaputter Vierradantrieb war. Außerdem war unser Unterbodenschutz nur mit einem Draht befestigt worden. Dazwischen sammelte sich der Sand, riss das Ding immer weiter runter, bis wir wieder aufsetzten und Schwierigkeiten hatten loszufahren. Noch in der Kalahari haben wir den Unterbodenschutz schließlich komplett abgerissen und als wir die Sandstraße hinter uns gelassen hatten hielten wir in einer Stadt, um dort auch das Gelenk des 4×4 Antriebs, das es aus seiner Halterung für den rechten Vorderreifen gerissen hatte, ausbauten, weil es gegen die Federung des Autos hämmerte und dabei war, noch größere Schäden zu verursachen.

Ich kann nur von Glück reden, dass wir eine Vollversicherung abgeschlossen hatten, bei unserer Autovermietung, die verhängnisvollerweise und aus Witz in sich selbst auch noch Kalahari Car Hires hieß.

Alles Liebe

K

Adventszeit – surfende Weihnachtsmänner

                                                                               Swakopmund, 10. Dezember 2017

Der Adventskalender erreicht  bald die Halbzeit und obwohl auch ich einen Adventskalender mit Lichterkette und sogar ein Nikolausgeschenk von meiner Familie geschickt bekommen habe, muss ich sagen, ich fühle mich nur wenig weihnachtlich. Ja, das traue ich mich unter meiner Lichterkette liegend zu behaupten! Wobei, die Zimmerdeko ist des „Wenig-Weihnachtlich-Fühlens“ einziger Grund. Geschenke in den Flip Flops… das hätte ich mir nie erträumen können und niemals mit einer vorweihnachtlichen Stimmung in Verbindung gesetzt. In meinem Zimmer läuft Last Christmas in Dauerschleife und ich fragte letztens meine Mitbewohnerinnen, wann wir denn endlich Schlittschuhlaufen gehen würden – nächstes Weihnachten.

Mein Weihnachtszimmer

Und auch wenn Swakopmund alles daran setzt, den westlichen Spirit of Christmas zu verbreiten, mich hat er nicht erreicht. In den Supermärkten stehen im Eingangsbereich riesige Plastikweihnachtsbäume, sündhaft teuer wird importierter Lebkuchen verkauft. Auf dem Weihnachtsmarkt, der am 2. Dezember vor unserem Büro stattgefunden hatte, sah ich nur Weiße Menschen, irgendwelchen Schwachsinn kaufen und verkaufen. Immer mehr bekomme ich den Eindruck, Weihnachten sei nur etwas für reiche Leute. Und eigentlich passt das alles nicht zusammen. In der Stadt hängt an Palmen und Straßenlaternen befestigt die Weihnachtsbeleuchtung – LED – Delfine, -Robben, – Leuchttürme und noch andere ähnlich weihnachtliche Figuren. Die eine haben wir noch nicht ganz identifizieren können. Ich glaube und hoffe fest, sie soll einen surfenden Weihnachtsmann darstellen. Leuchten tut da bei der Beleuchtung auch reichlich wenig. Abends hängen die Gerüste wie trost- und farblose Gerippe über den Straßen und Bürgersteigen und werfen noch viel trostlosere Schatten auf den Boden. Alles wirkt etwas deplatziert und falsch. Die Beleuchtung wird nach Sonnenuntergang nicht angeschaltet, weil sonst ganz Swakopmund einem Stromausfall ausgeliefert wäre. Ich fragte einige Fußballfreunde, was sie an Weihnachten machen würden. Weihnachten wird am 25. Dezember gefeiert. Die Antwort der meisten Leute, mit denen ich gesprochen habe, erzählten, sie würden in den Norden fahren, zur Familie. Dort würde es dann nach dem Kirchenbesuch eine große gemeinsame Mahlzeit geben.

Die Weihnachtsbeleuchtung

Mein Weihnachten werde ich dieses Jahr irgendwo an der Küste Südafrikas feiern, wenn wir nicht doch zuvor im tiefen Kalahari – Wüstensand in Botswana stecken geblieben sind . Ab nächster Woche Freitag belohnen wir (weitere Freiwillige und ich) uns nämlich mit einem großen Sommerurlaub und fahren mit zwei Mietwagen durch Botswana nach Südafrika, um in Kapstadt in einer großen Runde Silvester zu feiern. Weil beide meiner WG Mitbewohnerinnen in einer Schule arbeiten und die Schulen schon Anfang Dezember geschlossen wurden (so wird Geld gespart, weil vor allem die Hostels, die meistens auf dem Schulgelände oder in der Nähe stehen und Schulkinder beherbergen auf den Geldbeutel des Ministeriums für Bildung drücken – wenn es keine Schule gibt, müssen die Kids zurück nach Hause und keine weiteren Kosten fallen an), bereisen sie jetzt schon den Norden Namibias. Franzi und ich müssen die kommende Woche noch arbeiten. Um Weihnachten einen Schritt entgegenzukommen, haben wir uns mit Philip, unserer namibischen Kontaktperson und einem sehr wichtigen Ansprechpartner, in einem Restaurant am Meer verabredet, um den Glühwein zu genießen, der dort serviert wird. 

Alles Liebe

K

Eine von euch 

Windhoek, 24.-26. November 2017

Nachdem wir zwei Stunden nach der vereinbarten Uhrzeit endlich alle im Bus saßen, machte ich mich mit der Erongo Auswahlmannschaft auf den Weg nach Windhoek, der Hauptstadt, zu einem nationalen Fußballturnier. Es traten nicht einzelne Vereinsmannschaften an, sondern ausgesuchte Mädchen, die eine Mannschaft bilden und ihre Region, in der sie leben und in der ihr Verein beheimatet ist, auf dem Fußballplatz repräsentieren sollten.

Ich habe es in den letzten Wochen gerade so geschafft, mir wenigstens die Hälfte der Namen meiner Vereinsmitspielerinnen zu merken (eine heißt auch beim 20. Mal hinhören noch Kapujiko, also Capuccino nur mit k statt n), da kamen wieder andere Spielerinnen dazu. Wir sammelten sie in Walvis Bay und Hentiesbay ein, zwei weiteren Küstenorten in der Erongo Region. Der Bus war riesig. Insgesamt waren wir etwa 35 Spielerinnen – 2 Mannschaften bildend, eine A-und eine B- Mannschaft, die Erongo vertreten sollten.

Ich war positiv überrascht zu sehen, dass die Talentförderung im Mädchenfußball vom Prinzip her ähnlich funktioniert wie in Deutschland, wo es auch Vereine, Auswahlmannschaften der Landesverbände und dann schließlich die Jugendnationalmannschaften gibt. Das entsprach nicht meinen Vorstellungen als ich Fuß auf unseren Trainingsplatz setzte. Ich hörte, Mädchenfußball sei hier gerade erst im Kommen.

Die Stimmung im namibischen Bus unterschied sich deutlich von der Stimmung, die es im Berliner Bus auf dem Weg zum Sichtungsturnier gegeben hätte. Während die Spielerinnen der Berliner Auswahlmannschaft alle brav auf ihren Plätzen gesessen hätten, natürlich angeschnallt, entweder gemeinsam einen Film schauend oder doch jeder sich selbst und der eigenen Musik überlassen, vielleicht auch gemeinsam einige Hausaufgaben lösend und während die ein oder andere Kandidatin stolz ihren Mathetest, den sie mit einer Zwei bestanden hatte, durch die Reihen des Busses gereicht hätte, hatte sich die gesamte Erongo Mannschaft schon längst im Gang des Busses versammelt, der natürlich über keine Anschnallgurte verfügte. Tanzend, klatschend und singend wurde die namibische Popmusik ergänzt, die aus den rauschenden Lautsprechern über den Sitzen dröhnte. Für mich war das unvorstellbar. Wir waren ja erst auf unserer Hinreise und hatten doch noch überhaupt gar nichts gewonnen. Oder hatte ich da etwas falsch verstanden? Vielleicht ist ja aber auch einfach Vorfreude die schönste Freude.

Nachdem ich mehrmals aufgefordert und eingeladen wurde, auch aufzustehen, ich aber immer wieder dankend und leicht verlegen absagte, wurde schließlich an mir rumgezerrt und gezogen, bis ich mich mitten im Geschehen wiederfand. Jubel!! Mitspielerinnen sprangen auf ihre Sitze und klatschten und tobten. Als die Lautsprecher dann viel zu früh (etwa 2 Stunden nachdem ich anfangs noch ÜBERWELTIGT auf unserer Bustanzfläche angekommen war) ihren Geist aufgegeben hatten, war das kein Grund zur Sorge. Auf die Tanzreise folgte eine Chorfahrt. Ein Lied wurde angestimmt und 33 weitere Stimmen fanden in verschiedenen Tonlagen denselben Text im Inneren ihres Körpers wieder, der dann zusammen mit der Seele aus dem Leib gesungen wurde. Nur meine Stimme nicht. Ich kannte keines der Lieder. Außerdem verstand ich kein Wort von dem, was gesagt wurde, weil die Lieder meistens nicht auf Afrikaans sondern anderen namibischen Sprachen waren. Mir wurde der Text und die Aussprache der Wörter zwar sehr geduldig und ambitioniert von meinen Mitspielerinnen erklärt, davon blieb aber leider nicht viel hängen und den Chorus konnte ich immer erst dann, wenn das Lied bereits zu Ende war. Deswegen unterstützten einige Freunde und ich den Erongo Chor mit taktvollem Pfeifen, Geklatschte, Gestampfe, Getrommel und Zwischengeschrei, das mich zu Beginn erschrecken ließ, mich aber dann doch zunehmend meiner Bewunderung und Begeisterung, sowie meiner Stimme beraubte..
Irgendwann am frühen Abend kamen wir dann schließlich in Windhoek, im Township Katutura vor dem Kunstrasenplatz zum Halt. Ich wurde immer neugieriger, wie wohl unsere Unterkunft sein würde. In Deutschland hat jeder Landesverband seine eigene Sportschule. Die in Berlin liegt am Kleinen Wannsee. Es gibt Doppel- und Viererzimmer mit eigenem Bad und Fernseher, zwei Essensräume, immer gutes Essen, ein paar Seminarräume und Räume mit Tischkicker und Ähnlichem für die Freizeitgestaltung. Außerdem verfügt die Sportschule über einen großen Garten mit Steg und zwei winzigen Nussschalenruderbooten.

Für Windhoek jedenfalls sollten wir unsere eigene Bettwäsche mitbringen. Im Bus scherzte eine neukennengelernte Spielerin aus Walvis, dass es bestimmt nur 3 Duschen für uns geben würde. Das schien mir unmöglich. In der Realität gab es zwei Duschen für uns aus Erongo. Der Gebäudekomplex neben dem Platz,  in dem wir untergebracht wurden, nannte sich Girls Centre und war kaum und wenn, dann nur sehr lieblos eingerichtet. Bis auf eine riesige Eistruhe, die im Empfangsbereich stand und die wir alle zu lieben lernten, gab es im Untergeschoss nur noch einen Kühlschrank. Auf der oberen Etage mussten wir unsere Mannschaft, Mighty Erongo, bestehend aus 21 Spielerinnen, auf drei Zimmer aufteilen. Die Zimmer sahen nicht so aus, dass auch nur jeweils 7 Menschen gleichzeitig stehend hinein gepasst hätten. In zwei Zimmern standen ein oder zwei Bettgestelle, die Matratze fehlend, um das Bett komplett zu machen. Ansonsten gab es pro Zimmer eine Steckdose. Jemand aus meinem Zimmer war vorausschauend genug und hatte einen Mehrfachstecker dabei, an dem kurze Zeit später jegliche Smartphones hingen. Vielleicht war das der Grund, weshalb es im Waschraum keinen Strom gab. Er wurde noch am selben Abend, leider nicht unter Strom, sondern unter Wasser gesetzt. Das fehlende Licht und das Duschen in der Dunkelheit hatte zur Folge, dass einige Leute nicht bemerkten, dass sie während des Duschens auf dem Abfluss standen und das Abfließen des Duschwassers unmöglich machten. Das Wasser lief über den Rand der Duschwanne hinaus und schnell hatte sich eine riesige Pfütze auch im Bereich der Toiletten und Waschbecken gebildet.

Als ich zurück in unseren Raum kam, hielten zwei Mädchen eine Matratze hoch. Wir hätten sie zur Verfügung gestellt bekommen und ich sollte darauf schlafen. Ich verstand nicht ganz und versicherte, dass ich nicht auf einer Matratze schlafen müsste. Kaum hatte ich zu Ende gesprochen lösten meine Worte Empörung in meinen Freunden aus. Alle mischten sich ein. Es wäre keine Frage, wer auf der Matratze schlafen sollte und es wäre ein Befehl ihrerseits, dass ich darauf schlafen müsste. Ich könnte ja nicht auf dem Boden schlafen und sei doch außerdem die Schlüsselspielerin. Ich hatte ernsthaft mit Windmühlen zu kämpfen. Als sie sagten, man müsste das von zwei Seiten sehen, sie seien es gewohnt auf dem Boden zu schlafen, das käme häufiger vor und sei kein Problem und ich, die aber woanders herkam und bestimmt nie auf dem Boden schlafe, könnte das doch auch jetzt nicht tun. So ein Quatsch. Gut, das letzte Mal, dass ich auf dem Boden geschlafen habe war im vergangenen Frühling, zu Hause, vor den Zimmern meiner Brüder, als eines meiner Fahrräder für irreparabel erklärt wurde und ich nicht wusste, wie ich (dem Fahrrad gegenüber) meine Betroffenheit anders zum Ausdruck bringen sollte. Natürlich sind Hintergrund und Absicht hier ganz anders. Trotzdem kommt es doch vor, dass ich gelegentlich auf dem Boden schlafe. Es ging in dieser Matratzen Situation darum, dass meine Mitspielerinnen im Glauben lebten, ich wäre (mir?) zu gut, um auf dem Boden schlafen. Ich kann es nicht sicher wissen, aber gehe fest davon aus, dass dies an meiner Hautfarbe liegt, die bereits Auslöser für ähnliche Konflikte war. Ich war so entsetzt und verzweifelt, dass es zu solch einer Auseinandersetzung kam. Deswegen stand ich schließlich auf und sagte sehr ernst, dass man auf die Situation überhaupt nicht von zwei verschiedenen Perspektiven aus blicken dürfte. Meine Herkunft und meine Hautfarbe machten zwischen uns doch keinen Unterschied, ich sei doch auch eine von ihnen und könnte genau so gut auf dem Boden schlafen. Jubel und Beifall. Ich musste zum High5 einschlagen. Die Matratze wurde aus dem Zimmer geworfen und alle Vorurteile und stereotypischen Gedanken, die die Mädels mir gegenüber hatten, flogen, wenn sie nicht schon am Mittag weggetanzt wurden, hinterher. Am Ende des Tages schliefen wir alle auf dem Boden.

Wir spielten das erste Spiel des Turniers, das um 7 Uhr begann. Geweckt wurden wir um 5 Uhr. Bis 6:25 Uhr passierte nichts. Die Berliner Auswahlmannschaft hätte zur richtigen Zeit das richtige Essen zu sich genommen, wäre in ihren einheitlichen Präsentationsanzügen zur Spielvorbesprechung in dem Seminarraum erschienen, hätte dann etwas Zeit gehabt, wenn nötig, zur physiotherapeutischen Behandlung zu gehen, und hätte anschließend ein intensives Aufwärmprogramm über sich ergehen lassen müssen. Die Erongo Auswahlmannschaft stand 20 Minuten vor Spielbeginn zum Aufwärmen auf dem Fußballfeld. Ein Frühstück gab es nicht, dafür besprachen wir aber, wer spielen dürfte. Wir gingen früh in Führung und ich glaube, es stand zwischenzeitlich auch 3:0 für uns. Dann aber entdeckte das gegnerische Team unsere Schwachstelle – unsere Torhüterin, die vor dem Spiel noch ordentlich Stimmung machte. Nach dem ersten Gegentor war ihre Stimmung allerdings im Keller. Das erste Gegentor kassierten wir, weil unsere Torfrau, die vor lauter Überraschung und Schreck, dass sie einen Kullerballfreistoß aus 40 Metern Entfernung tatsächlich „gefangen“ hatte, folglich bestimmt einen Adrenalin- und Endorphinstoß versetzt bekommen hatte, sich umdrehte und versehentlich, unsicher wie sie war, den Ball fallen ließ und ihn selbst einnetzte. So ähnlich ungeschickt ging das Spiel dann weiter, bis wir uns mit einem 3:4 Rückstand geschlagen geben mussten. In der zweiten Hälfte des Spiels, es war immer noch früh am Morgen, merkte ich bereits, wie es zunehmend wärmer wurde. Unser nächstes Spiel sollte mittags um 14 Uhr angepfiffen werden.

Die Spiele mittags und am darauffolgenden Tag waren die Hölle. Es war schon am Vormittag über 33°C warm und die Sonne knallte nur so auf den trockenen Kunstrasenplatz. Normalerweise, wenn ich auf dem Platz stehe, bekomme ich von allem Ringsherum kaum etwas mit, aber diese Hitze hat mich total aus meinem Tunnel gerissen. Die starken Sonnenstrahlen krochen gefühlt durch die Schuhe, (meine sind unpraktischer Weise auch noch schwarz) und erreichten die Füße, auf die sie erbarmungslos und schmerzhaft einschlugen. War es nicht die Hitze, die mich von dem Spiel ablenkte, dann waren es die Mülltüten, die der leichte Wind sanft über den Platz wehte. Oder die laute, mir nichtssagende Musik, die über den ganzen Tag aus Lautsprechanlagen von der Tribüne bestimmt ganz Katutura erreichte. Immerhin wurde nach 15 gespielten Minuten eine Trinkpause eingerichtet. Das war dann der Zeitpunkt, an dem alle auf einmal wieder zu laufen lernten und es kaum erwarten konnten, sich Eiswürfel aus der Kühlbox in den Mund zu stopfen, einen Schluck Wasser zu sich zu nehmen. Der Rest wurde über Kopf und Schuhe gekippt. Und schon ging es weiter und die trockene Luft, nach der man dürftiger rang als sonst, schmerzte mit jedem Atemzug in den Lungen. Sie eroberte schnell den Körper zurück, beherrschte ihn und infizierte ihn mit Ermüdung.

Die Sache mit den über dem Platz schwebenden Plastiktüten hat mich sehr geärgert. Als ich dann aber sah, in welchem Zustand sich die Auswechselbänke und die Sitze der Trainer befanden, wunderte mich gar nichts mehr. Leere Plastikflaschen, Essensreste und noch viel mehr Müll wurden von den vorigen Mannschaften einfach so zurückgelassen. So richtig stören schien das außer mir niemanden. Als wir uns am Sonntag endlich auf den Rückweg machten, in einem Bus, der verdreckt war, weil viele meiner Mitspielerinnen ihren Müll auf der Hinfahrt liegen gelassen hatten, – wir haben das Turnier übrigens nicht gewonnen-  warf das Mädchen, das vor mir saß, vor meinen Augen, noch schnell ihre leere Chipstüte aus dem Fenster. Das zu sehen, wenn man gerade für ein Umweltschutz NGO arbeitet, ist sehr schmerzhaft und eigentlich nicht zu ertragen. Aber nach zweieinhalb sehr langen, lauten, anstrengenden Tagen und kurzen, lauten, anstrengenden Nächten, konnte ich nicht einmal die Kraft erübrigen, sie darauf anzusprechen. Sehr erschöpft kam ich am späten Abend zu Hause an. Endlich Ruhe. Trotz absoluter Erschöpfung weiß ich, dass ich an diesem Wochenende unbezahlbare Erfahrungen gemacht habe.

Liebe Grüße

K

 

 

Namib Daughters, African Queens und falsche Haare

 

Swakopmund, 25. September

Mittlerweile spielen viele meiner Fußballfreunde, die ich irgendwann im Laufe meiner Fußballkarriere kennengelernt habe, überall auf der Welt. Das heißt, sie leben irgendwie überall auf der Welt und spielen, egal wo sie sind, Fußball. Manche kicken noch in Deutschland oder England, andere in Australien oder Amerika. Jetzt wurde ich auf die Probe gestellt.
Fußball ist in Namibia eine der beliebtesten Sportarten. Verfolgt wird vor allem die Premier League und ganz beliebt ist Manchester United. Schonmal ein schwieriger Start für mich als ehemaliger Chelsea Fan. Vor allem die Kinder kicken nachmittags gerne auf der Straße und es ist überhaupt kein Problem mitzuspielen, aber ich wollte eine richtige Mannschaft haben und machte mich deshalb auf die Suche. Ich hörte mich überall um, aber die Existenz einer Mädchenmannschaft wurde immer wieder verneint. Das war jetzt kein so großes Problem, ich würde auch in einer Jungenmannschaft spielen. Dies stellte sich nur als etwas kompliziert heraus, weil die Saison erst im Februar beginnen würde und so lange wollte ich nicht warten. Eine Frau im Büro des Swakopmund FC lud mich dann zum Training der Herren ein. Da wären auch Jungs in meinem Alter dabei, versprach sie mir. Ich war an einem Mittwoch Abend dort und sah keinen einzigen Jungen in meinem Alter. Diese Mannschaft und dieser Verein sollten es nicht werden. Die meisten Leute sprachen Deutsch und wenn man sich auch nur auf dem Parkplatz umschaute (alleine die Tatsache, dass es einen gab..) dann konnte man sofort schlussfolgern, dass das der Verein der Oberschicht war. Ich irrte mich nicht.

Internetrecherchen waren weniger erfolgreich und trotzdem las ich irgendwo immer etwas von einer Swakopmund Women’s Soccer League. Ich ließ nicht locker und fragte schließlich unsere Ansprechperson hier in Namibia. Wir haben Philip schon in Deutschland kennengelernt, er ist Lehrer an einer Schule hier in Swakop und meinte damals, eine seiner Schülerinnen würde auch Fußball spielen.

Kylie und ich kamen in Kontakt und sie holte mich noch am selben Tag mit einer Mitspielerin von zu Hause ab und wir liefen gemeinsam zum Sportplatz. Der Trainingsplatz liegt in Mondesa, dem ärmsten Vorstadtsviertel Swakops. Wir liefen an Wellblechhäusern und improvisierten Gartenzäunen vorbei und standen nach fünf Minuten auf dem Fußballfeld. Wobei, Feld ist großzügig gesagt. Der Platz sah aus, als ob Meteoriten darauf eingeschlagen wären, die eine Kraterlandschaft hinterlassen hätten. Zwei sich gegenüberstehende Mülltonnen markierten die Torpfosten (sie wurden uns gestern gestohlen, jetzt sind es Steine). Das Gras wächst nicht mehr an vielen Stellen und braune, staubig erdige Kuhlen prägen den Boden ungemein. Aber, was hatte ich erwartet? Um ehrlich zu sein gar nichts. Und ich war mehr als froh, dort auf dem Acker zu stehen, mit meinen Fußballschuhen und einer Trinkflasche im Turnbeutel. Wir warteten auf die anderen Spielerinnen und als Eine nach der Anderen eintrudelte, manche die Füße schon in den Fußballschuhen und die Beine in einer Jeans steckend, fiel mir auf, dass wir nur einen Fußball hatten. Natürlich reicht ein Fußball, um Fußball zu spielen, aber ein Fußball für Training mit Schuss- und Passübungen… eigentlich bekommt am Anfang doch jeder seinen eigenen Ball, bis es ein Trainingsspiel zum Abschluss gibt? Ich fragte, wann denn die Trainerin käme. „Heute gar nicht“, war die Antwort. Die meisten Spielerinnen waren in meinem Alter, wenige jünger, einige älter. Um viertel nach vier, das Training sollte um vier Uhr beginnen, ging es los mit dem Aufwärmprogramm. Ich hatte erwartet, dass danach einige Spielzüge oder Zweikämpfe eingeübt werden. Es kam anders, es ging gleich mit einem Trainingsspiel weiter. Logisch eigentlich, wir hatten ja auch nur den einen Ball… und nach 1 ½ Stunden Spiel auf die Mülltonnen Tore war das Training vorbei. Untereinander wird Afrikaans gesprochen. Es ist einfach zu verstehen, weil man irgendwie immer ein paar deutsche oder englische Wörter heraushören kann. Selbst zu sprechen ist fast unmöglich, weil man nicht weiß, inwieweit man englische und deutsche Wörter so sehr misshandeln muss, bis sie eine neue Sprache ergeben. Wenn die Leute schnell miteinander reden, dann ist es schwierig, auch nur irgendetwas zu verstehen. So stand ich auf dem Platz und verstand nur „Player“ und „spielen“. Diese beiden Worte wurden aber auch am häufigsten durch die Gegend gerufen und mehr braucht man doch eigentlich nicht.

Nach dem Training wurde mir ein Anmeldeformular für die Liga in die Hand gedrückt und ich wurde sofort zum nächsten Spiel am Samstag eingeladen. Dann wurde mir noch nachgerufen, ich solle Schienbeinschoner mitbringen. Ich habe hier keine Schienbeinschoner… Das Spiel war zwei Tage nach dem Training. Ich sagte noch nicht zu und gab mich eher unentschlossen. Ich musste erst darüber nachdenken und zu Hause äußerte ich bei meinen Mitbewohnerinnen meine Befürchtung: ich hatte Sorge, dass es keine Trikots gab und ich nicht wüsste, wer denn überhaupt alles in meiner Mannschaft spielen würde. Ich habe die Spielerinnen, die kommen würden ja erst einmal gesehen und andere, die nicht beim Training waren noch nie…

Trotzdem setzte ich mich bei uns an den Wohnzimmertisch und ließ kreativen Gedanken freien Lauf. Aus einem Joghurt Container, Pappe, Küchentüchern und viel Paketband bastelte ich mir meine Schienbeinschoner, die ich natürlich erstmal am Samstag zum Spiel vergaß.
Das erste Punktspiel


Samstag, pünktlichste African Time (African Time umfasst den Zeitraum der geplanten Uhrzeit und alles, was in den nächsten 15min noch folgt und zählt dann noch als pünktlich… wurde mir so  von einem Freund erklärt… –  ich habe also schon immer in der Zeitrechnung der African Time gelebt und mich daran anzupassen ist gar kein Problem) tauchten meine Mitbewohnerinnen, die sich das kommende Spektakel nicht entgehen lassen wollten, und ich im Mondesa Stadion auf. Ich, leicht nervös, immer noch hoffend, es würde Trikots geben, laufe auf das Feld zu meinen Mannschaftskameradinnen, während meine Begleitung auf der Sitztribüne Platz nahm.

Wir kickten uns den Fußball zu, bis wir unsere Taschen nahmen und hinter die Zuschauertribüne auf etwas zuliefen, was aussah wie Umkleidekabinen. Aber nein, wir gingen an den Räumen vorbei, bis ganz nach hinten in die letzte Ecke.  Eine Tasche wurde auf den Boden gestellt und siehe da, es gab doch Trikots. Erleichterung machte sich in mir breit, es konnte also nichts mehr schief gehen. Wir zogen uns hinter der Tribüne und vor den Umkleideräumen um.

Bis jetzt waren wir zu Neunt, liefen zurück auf den Platz und wärmten uns auf. Wobei ich eher das Gefühl hatte unsere Stimmbänder aufzuwärmen als sonst irgendwelche Muskelgruppen unserer Körper. Das Aufwärmprogramm vor dem Spiel bestand nämlich zum größten Teil aus Geschrei, Gesang, anderen Geräuschen und Tanz. Es war sehr schwierig dabei ernst zu bleiben. Wenn meine Mannschaft in Berlin das sehen könnte, dachte ich mir. Mir gefällt die Regel: Wer nicht mitschreit, der muss eine Strafrunde laufen. Rein statistisch gesehen könnte es sein, dass ich einem strafrundenlosen Jahr entgegensehe. Meine Mitspielerinnen meinten, die Art von Aufwärmen sei wichtig für das Teambuilding. Wahrscheinlich hatten sie Recht. Ein bisschen erinnerte mich das Ganze an den Haka, das, was die Neu Seeländische Rugby Mannschaft tanzt, schreit, fabriziert, bevor das Spiel losgeht. Nach unserer eigenen Hakaauffuehrung  kickten wir den Ball noch ein bisschen über den Platz, begrüßten zwei weitere Spielerinnen, die sogar für African Time spät waren und dann ging das Spiel, nachdem wir einen Kreis formten und beteten, Gott möge uns Kraft für das Spiel geben, natürlich später als geplant los.

Der Rasen im „Stadion“ war deutlich besser, als der des Trainingsplatzes. Ich schaute vor Anpfiff kurz rüber auf die Zuschauertribüne. Nicht schwierig, sie waren die einzig weißen Leute, die auf der Tribüne saßen, identifizierte ich meine Mitbewohnerinnen und  grinste ihnen noch einmal zu.

Ich überlegte wie häufig und wo ich schon alles auf dem Fußballplatz stand, wartend auf den Moment bis der Schiedsrichter das Spiel mit einem schrillen Pfiff eröffnen würde und Blut, Schweiß und Tränen in kürzester Zeit darauffolgen würden… oder so ähnlich.

Die gegnerische Mannschaft stellte sich auf allen Positionen ziemlich ungeschickt an. Ungeschickter als die Abwehr meiner Mannschaft, die auch nur „Kick and Rush“ spielte (man schlägt den Ball aus der Verteidigung nach vorne und der Rest darf hinterher rennen).  Eine unserer Spielerinnen kassierte schon in der 7. Minute eine rote Karte, weil sie mit der Hand gegen den Ball geschlagen hatte. Erst wunderte ich mich, warum sie trotzdem zum Schiedsrichter gerufen wurde, bis mir auffiel, dass er nicht im Besitz von Strafkarten war, die er ihr frech unter die Nase hätte reiben können. Stattdessen streckte er zwei Finger vor ihrem Gesicht in die Höhe. Ganz klare Ansage: Zwei Finger = rote Karte, ein Finger = gelbe Karte. Wir spielten dann also zu Zehnt weiter. Unsere angreifenden Positionen, also Stürmer und das Mittelfeld waren von Spielerinnen besetzt, die ganz gut Fußball spielen konnten. Es gab nur keine richtige Ordnung oder Struktur und einige Kommunikationsschwierigkeiten, weil ich immer noch nur „Player“ verstand. Eine meiner Mitspielerinnen rief außerdem immer Sarah und nicht Klara, sodass ich mich nie angesprochen fühlte, mich aber wunderte, wer denn diese Sarah sei. Diese Falte wurde aber in der Halbzeitpause flach gebügelt, als sich der Rest der Mannschaft über sie lustig machte, weil sie permanent Sarah über den Platz geschrien hatte. In der Pause lernte ich außerdem die Trainerin kennen, die mich mit einem „I like your skills, Baby“, begrüßte und dann eine andere Spielerin zur Schnecke machte, weil sie einer Gegnerin im Strafraum einen riesigen Bodycheck gegeben hatte, der eigentlich zu einem Elfmeter hätte führen müssen, wäre der Schiedsrichter etwas besser ausgebildet gewesen. Bis dahin stand es 4:0 für uns. Ich hatte in der zweiten Halbzeit gelegentlich Probleme damit, mich auf dem Spielfeld fortzubewegen, weil sich eine gelbe Traube von Gegenspielerinnen um mich herum gebildet hatte. Der gelbe Schwarm folgte mir auf Schritt und Tritt. Sogar beim Einwurf versammelten sich die Gegenspielerinnen vor mir, als würde ich gleich eine Rede halten wollen. Eine Spielerin, die Nummer 11, hat am meisten genervt! Die ist mir permanent über die Füße gelatscht oder hat mir in die Fersen getreten, dass ich echt die Geduld verloren hatte und sie, als der Schiri nicht hinsah und der Ball samt Geschehen am anderen Ende des Feldes waren, einmal so sehr anrempelte, dass sie hingefallen ist. Viel hat das an ihrem Einsatz leider nicht geändert. Aber meine Stimmung heiterte sich doch schnell wieder auf. Selbst meine Mitspielerinnen fingen an zu lachen, als Nummer 11 mich sogar dann verfolgte, wenn das Spiel mal wieder unterbrochen wurde. Ich lief in den Unterbrechungen über den Platz und Nummer 11 folgte mir als wäre sie ein Hund an der Leine. Oder was hier wahrscheinlicher ist: ein Straßenhund, der einem Fahrrad hinterher rennen würde. Nur bellte sie nicht. Das wär‘s ja noch gewesen! Während des Spiels beschäftigte ich mich, weil sie mir ja die ganze Zeit vor der Nase stand, ausgiebig mit der Frisur der Nummer 11. Ich glaube nämlich sie trug eine Perücke und wunderte mich, ob das nicht riskant sei, bei einem Fußballspiel, meine ich. Es gibt viele Leute, die hier Perücken tragen, eingenommen von dem Bild des westlichen Kommerzes, dass nur lange, glatte Haare dem Schönheitsideal entsprechen könnten. Auch unsere Sekretärin im Büro trägt eine. Sie streifte sich entsetzt über den Kopf als ich ihr sagte, dass ich bald mal wieder zum Friseur müsste. Sie meinte: “We dream of your hair.“ (Hier bin ich mir ziemlich sicher, dass sie nicht meine Haare direkt meinte, eher: “Your kind of hair“…) “And you just cut it?! We have horrible hair! That‘s why we get these weird things“, sie schob die künstlichen Haare auf ihrer Kopfhaut vor und zurück und ich musste mir ein Lachen verkneifen. Aber zurück zu Nummer 11. Das Interesse dieser Beobachtung wuchs mit der Zeit und der Zahl der Tritte, die in meinen Waden landeten. Deswegen dachte ich mir, dass ich doch bestimmt, beim nächsten Körpereinsatz ganz aus Versehen an den Haare ziehen oder ihr über den Kopf wischen könnte… Das ganze Spiel war so unterhaltsam und hat echt Spaß gemacht . Am Ende gewannen wir 8:1 und Nummer 11 behielt ihre Perücke auf dem Kopf.

Den Namen meiner Fußballmannschaft erfuhr ich erst dann, als ich diesen Beitrag in einer Zeitung entdeckte:

Ich konnte nicht mehr. Ich hätte ja mit allem gerechnet, eher Mondesa FC oder so…. aber Namib Daughters?! Da tröstet mich ja nur, nicht in Dragon City gelandet zu sein. Die Super Ladies waren demnach auch nicht so super, wie sie heißen. African Queens… oh Mann. Meine Mitbewohnerinnern und ich haben uns erstmal totgelacht. Und ich plante eigentlich niemandem von diesem Namen zu erzählen, aber es wäre doch eine Schande gewesen, ihn euch vorzuenthalten. Ich scheine also richtig angekommen zu sein. Sogar als Namib Daughter.

Ich finde es erstaunlich, dass wir die Fußballergebnisse des Spieltages unserer Liga in der Zeitung gesehen haben. Komisch, dass mir trotzdem immer gesagt wurde, es gäbe keinen Mädchenfußball in Swakopmund. Oder eigentlich auch nicht komisch, weil vor allem hier zwei Welten aneinander vorbeileben und sich die Frau vom reichen Fußballverein bestimmt nie mit irgendeiner Mannschaft aus Mondesa auseinandergesetzt hat.

Vor dem Spiel

Halbzeit

Meine Schienbeinschoner

01. Oktober

Ich bin mittlerweile in der Mannschaft voll und ganz aufgenommen worden. Von einer Straßenecke an auf dem Weg zum Fußballplatz werde ich auf den letzten Metern zum Acker von einer kleinen Fangemeinschaft, bestehend aus Nachbarschaftskindern begleitet.  Das Training findet von Montag bis Donnerstag von 16 Uhr bis 18 Uhr statt. Es kommt ab und zu vor, dass wir aber keinen Fußball haben. Einmal kam mir ein Teil meiner Mannschaft entgegen, als ich gerade auf dem Weg zum Platz war. Es gäbe keinen Ball, ließen sie mich wissen. Es würde sich nicht lohnen, weil der Rest nur Kraft- und Konditionstraining machen würde und im Spiel müsse man ja sowieso schon so viel laufen, dass das jetzt einfach zu viel sei…

Ein Arbeitskollege, der Mann meiner Chefin, fragte mich letztens, wie denn das Training am vorigen Nachmittag gewesen sei. Ich berichtete davon, dass wir keinen Ball hatten und deswegen nicht spielen konnten. Am nächsten Tag lag, als ich ins Büro kam, ein Fußball an meinem Platz. Andreas meinte, er hoffte, dass er mit dieser Spende zu weiteren Erfolgen meiner Mannschaft beitragen würde. Ich solle den Ball behalten und zum Training mitbringen und wenn er aufgepumpt werden muss, dann sei  das alles kein Thema. Jetzt bin ich bestens ausgestattet!!

Ich wundere mich, wie universell manche Sachen doch sind. Klar, es wird überall auf der Welt Fußball gespielt. Ich hätte aber nicht gedacht, dass das Tunneln (das Durchspielen des Balls durch die Beine des Gegenspielers) hier genauso angesehen wird wie in Deutschland. Die Person, die hier getunnelt wird schämt sich genau so, wie Leute, die in Deutschland getunnelt werden und der Rest der Mannschaft dreht komplett durch und jubelt, genau so, wie ich es kenne. Getunnelt zu werden ist auf allen Fußballplätzen oder Fußballäckern der Welt die größte Erniedrigung, die man als Spieler/In erleben könnte. Es ist schön, eine Sache zu haben, die sich nicht ändert oder geändert hat. Sicher, das Niveau, die Mitspielerinnen und die Bedingungen sind nicht dieselben, aber Fußball ist Fußball und spielen ist spielen und das funktioniert echt gut. Und auch wenn ich nicht jedes Wort verstehe, verstehe ich was meine Mitspielerinnen mir sagen wollen. Wir reden Fussball, eine Sprache die überall und von jedem gesprochen werden kann, wenn er will. Das Alter, Geschlecht, die Herkunft oder Hautfarbe sind dabei totale Nebensachen. Kommendes Wochenende haben wir gleich zwei Spiele hintereinander, weil das Spiel, das wir letztes Wochenende gehabt haben sollten, abgesagt wurde. Ich freue mich schon und bin gespannt, inwieweit meine selbstgebastelten Schienbeinschoner diesmal ihren Dienst tun werden.

Mal so ganz zwischendurch und aus dem Ärmel geschüttelt:

Liebe Grüße aus Nambia…! Oder war Sambia gemeint? Schon echt verwirrend… Hilfe!!!

Die Wüste – einfach impoSAND. Und der Nachthimmel – eine Erleuchtung.

NRNR, 30.8.17

150 Kilometer weit ist die nächste Stadt entfernt. (Mindestens 2 ½ Stunden Autofahrt!) Uns trennen Flachland, Berge, Dünen – Wüste. Unfälle, Skorpionen- oder Schlangenbisse sollten also, so gut es geht, vermieden werden… ich weiß nicht, wie weit man mit unserem  „Snake Bite Kit“ kommt. Aber das hat mich eigentlich noch nicht so sehr zu beschäftigen, weil es hier in Namibia noch Winter ist und auch wenn die Tagestemperaturen weit über 25 Grad reichen, bin ich bisher weder einer Schlange, noch einem Skorpion  begegnet. (Na gut, Skorpione sind nachtaktiv…) Nicht, dass ich eine Begegnung kaum erwarten könnte.  Ich bin eher froh, dass wir, Schlange, Skorpion und ich noch nicht von der Anwesenheit des jeweils  Anderen wissen.
Ich befinde mich momentan an dem Standort NaDEETs, der im NamibRand Nature Reserve liegt, am Rand der Namib Wüste. Tages- und Nachttemperaturen verlaufen entgegengesetzt in extreme Richtungen und der Blick reicht weit, immer weiter über die in Farbe verschwimmende Vegetation, bis er von einer Bergkette unterbrochen wird. Tiere wie Antilopen, Zebras, Giraffen und Strausse, aber auch Leoparden leben hier irgendwo im Nirgendwo und sind in ihrer Bewegungsfreiheit in keinster Weise eingeschränkt. So kommt es durchaus häufig vor, dass man die Tür vom Staff Valley, der Unterkunft der Mitarbeiter und Freiwilligen, öffnet und ein Oryx , eine Antilope, keine 10 Meter von einem entfernt steht und man lange von dem Tier mit einem ausdruckslosen Blick angeschaut wird. Und so kommt es auch, dass wir eine Wüstenspringmaus, Joe, und einen Gecko, Greg, als tägliche Besucher unseres Wohnzimmer und der Küche im „Staff Valley“ willkommen heißen dürfen. Joe ist für das Entfernen der Krümel unseres Küchenbodens verantwortlich, während Greg uns das ein oder andere Insekt vom Hals hält.

  • Arbeit bei NaDEET

Letzte Woche bekamen wir hier, bei NaDEET, Besuch der Keetmanshoop Private School, der Klassen 6 und 7. Die Kinder wohnen im sogenannten „Centre“, 5 Minuten Fußweg von Staff Valley. Das Programm für die Kinder dauert 5 Tage. Es gibt kleine Unterrichtsstunden im Klassenzimmer des Centres; weitere Aktivitäten, wie der Dune Walk finden im Freien statt. Insgesamt ist das alles aber nicht mit Schulunterricht zu vergleichen. Weil wir uns eben in der Wüste befinden, kann man hier sehr gut auf Umweltprobleme, wie zum Beispiel Wasserknappheit, aufmerksam machen. Schnell musste ich feststellen, dass die Toiletten jedenfalls keine WCs sind, weil das Wasser fehlt. Als Klos gibt es sowohl in Staff Valley als auch im Centre nur Trockentoiletten. Auch die Dusche funktioniert etwas anders. Es gibt Eimerduschen. Hierbei wird ein Eimer, der max. 12 l fasst mit Wasser gefüllt, an einem Seil über einen Flaschenzug hochgezogen und befestigt. Ein Hebel unterhalb des Eimers wird umgelegt, das Wasser tropft heraus und man kann duschen. Der Trick ist allerdings, den Hebel nicht zu weit auf zu drehen, sodass das Wasser langsamer heraustropft und man länger duschen kann. Sonst hat man, wie ich es hatte, das Problem, dass das Wasser zu schnell aufgebraucht ist und man noch halb einshampooniert und erwartungsvoll unter dem Eimer steht, hoffend auf noch einige wenige Tropfen Wasser. Es wird hier sehr nachhaltig gelebt. Außerdem entdecken die Kinder ihre Umwelt, lernen mit Solarkochern und Solaröfen zu kochen und zu backen und haben hier eine Menge Spaß.

Auch wir backen Brot in unserem Solarofen bei Staff Valley

Mein persönliches Highlight ist die Astronomy Stunde. Anfangs wird im Klassenzimmer die Milchstraße in Form eines Teppichs aufgebaut. Unser Sonnensystem wird besprochen und einige Sternbilder werden erklärt. Dann geht es, gegen 20 Uhr, es ist seit etwa 2 Stunden stockdunkel, nach Draußen, auf die Dünen. Wir schauen uns den Himmel an und obwohl ich hier jede Nacht vor dem Schlafengehen nochmal mit dickem Pulli rausgehe, nur um hochzuschauen und den Blick zu genießen, diese ganze Nachtatmosphäre nochmal einzuatmen und aufzunehmen,  ist dieser Nachthimmel immer wieder aufs Neue einfach nur atemberaubend und ich erwische mich selbst immer wieder dabei, dass mir der Mund vor Beigesterung und Fassungslosigkeit sperrangelweit offen steht . NamibRand ist Mitglied der Dark Sky Association und somit einer der wenigen Orte, die die dunkelsten Himmel über sich hängen haben, die von den unzähligen Sternen am hellsten zum Leuchten gebracht werden. Ein Teil der Milchstraße ist zu sehen. Zwei andere Galaxien, die Magellanschen Wolken, die ihren Namen dem ersten Weltumsegler, Weltumrunder Ferdinand Magellan zu verdanken haben, (aus Portugal, leider starb er auf seiner Reise) der diese Galaxien als erster Mensch aufschrieb als er um das südliche Afrika herumsegelte, auch. Auch Jupiter ist mit dem bloßen Auge zu erkennen und Sternenkonstellationen wie Scorpio oder Orion sind dann doch etwas aufregender als der Große Wagen. Mit dem Southern Cross kann man nachts, unter klarem Himmel immer bestimmen wo Süden ist.

Für die Kinder endet die Woche bei NaDEET mit einer Runde Dune Boarding, also Dünenschlittenfahren, der Schlitten: ein Brett.

Für mich ging die letzte Woche viel zu schnell herum. Ich habe so viele neue und nette Menschen kennengelernt und vor allem mit den Kindern sehr viel Quatsch machen können. Trotzdem freue ich mich schon auf ein weniger warmes Swakopmund und auf Toiletten mit Spülung.

Keetmanshoop PS US (278)

Eimerdusche
  • Das Wochenende

Am ersten Wochenende schleppten wir, die anderen Mitbewohner Staff Valleys und ich, unsere Matratzen auf die Terrasse, um im Freien, unter dem Sternenhimmel zu schlafen. Mit zwei Decken und einem Schlafsack schaffte ich es, der nächtlichen Kälte der Wüste standzuhalten.

Und wenn ich an den Himmel denke, dann bin ich von der Vorstellung überzeugt, dass die Menschen, die als Bauern in der umliegenden Umgebung wohnen und arbeiten, nicht ihre Schafe oder Oryx zählen, wenn sie nachts nicht schlafen können, sondern Sterne.
Lange Wanderungen auf die umliegenden Berge oder aber auch einfach in das Flachland bieten sich am Wochenende sehr an.

Um 5 uhr morgens, noch vor Sonnenaufgang, haben sich eine Mitfreiwillige und ich auf den Weg zum Horseshoe Mountain gemacht, ein Berg, der sich mit seiner Form den Namen verdient hat. Wir brachen also mit Taschenlampen im Dunkeln auf und hofften, in die richtige Richtung zu laufen. Es war noch ziemlich kalt und nicht so richtig zu wissen wo man gerade langläuft macht auch nur dann Spaß, wenn nicht immer wieder leicht panisch geflüstert wird „dahinten stehen die Oryx“, die Antilopenart, dessen Hörner mir bis zur Hüfte reichen. Ich wusste nicht, wie Oryx reagieren würden, wenn man sie beim Schlafen mit hellen Taschenlampen störte und wollte es auch eigentlich gar nicht wissen. Jetzt kann ich sagen, dass sich diese Tiere nicht so schnell aus der Ruhe bringen lassen und alle Besorgnis fast umsonst war. Nach einer halben Stunde, die wir auf den Dünen wandernd verbrachten, drehten wir uns um und stellten fest, dass während wir liefen, die Sonne hinter uns, in unseren Rücken langsam aufgegangen war.  Was für ein Gefühl. Eben noch bei Finsternis durch den Wüstensand gestapft, betend, dass kein Oryx angerannt käme und dann auf einmal mitten im Flachland stehend, die Sonne anschauend, die die schwarzen Silhouetten der Bäume vor dem rot/orange schimmernden Horizont formte. Weit und breit Nichts, und mit Nichts ist nicht nichts gemeint aber Landschaft so weit das Auge reichte. Wie klein man sich doch fühlen kann. Wir steuerten weiter Richtung Horseshoe Mountain.

Als wir am Berg ankamen, gab es keine Ausschilderungen und auch keinen Trampelpfad, denen man hätte folgen können. Nach einer kleinen Frühstückspause fanden wir uns schließlich, nachdem wir über Steine und Geröll geklettert waren, gegen 8 Uhr auf dem Berg wieder und genossen die unfassbare Aussicht. Die Sonne schien mittlerweile kräftig , Hitze und Erschöpfung sollten sich aber erst auf dem Rückweg wie eine Decke über uns legen. Wir waren froh am Mittag in Staff Valley anzukommen und uns unter die heißersehnte Eimerdusche zu stellen.

Ein Blick auf den Deception Mountain (Der kleine Berg in der Mitte)
Der Horseshoe Mountain

Eine weitere Wanderung machten wir unter der Woche auf den Deception Mountain, niedriger als der Horseshoe Mountain, was man von der Qualität des Ausblicks aber nicht behaupten kann:

Blick auf den Horseshoe Mountain

Oryx 

Wenn man am Wochenende wandern gehen möchte, dann muss man wirklich früh aufbrechen. Der kommende Frühling ist in der Wüste schon deutlich spürbar und bevor man von der Mittagshitze eingeholt wird, sollte man schon längst auf dem Rückweg sein.

Ansonsten haben wir den zweiten Tag unseres Wochenendes lesend verbracht und waren am Abend zum Sonnenuntergang Dune Boarding.

Ich weiß nicht genau, ob man sich an die Einsamkeit  in der Wüste schnell gewöhnt. Auf der einen Seite ist es tatsächlich so, dass ich ohne Sorgen meine Schuhe um Staff Valley herumstehen habe. Das Wohnzimmer und die einzelnen Schlafzimmer werden mit einem Stahlriegel versperrt, können also von jedem Menschen betreten werden. Auch kann man hier, anders als in Swakopmund sorgenlos Wäsche aufhängen, die niemals gestohlen werden wird, außer der Wind ist ein Dieb. In Swakopmund beraubte mich ein solches Verbrechen leider meiner beiden Lieblingshosen. Auch einzelne Socken und weitere Kleidungsstücke wurden uns dort von der Wäscheleine gestohlen.

Auf der anderen Seite schließt man dann aber eben doch die Zimmertüren ab oder die Vorhänge im Bad vor dem Duschen zu. Wer soll denn reinkommen? Ein Oryx?! Vielleicht ist dieses Handeln aber auch einfach nur ein gesamtmenschlicher Tick.
Die Rückfahrt nach Swakopmund ging über Windhoek, weil wir eigentlich an einer Konferenz zum Thema Umwelterziehung teilnehmen sollten, die kurze Zeit vorher abgesagt wurde. Wir bepackten den Geländewagen mit Ladefläche. Auf die Ladefläche stapelten wir (4 Reisende) nicht nur unser Gepäck sondern auch zwei Matratzen und Decken übereinander, sodass die andere Freiwillige und ich hinten im quasi großen Kofferraum mitfahren konnten und während Elia das Auto über die Schotterpisten führte wurden wir ordentlich durchgerüttelt. Die Seitenfenster klapperten und ich wurde zwischenzeitlich von einem großen Rucksack verschüttet. Das Problem mit der schlechten Gepäckverteilung lösten wir aber geschickt, ich war das vom Hintensitzen in unserem 7-Sitzer auf langen Autofahrten von England nach Deutschland oder andersherum gewöhnt.  Ansonsten war es aber sehr gemütlich und es gab nur noch einen weiteren Schreckmoment, als plötzlich das große Fenster vor uns auf ging, während wir über einen Hügel fuhren und wir in das Freie schauten. Unter lauter Lachen vor Planlosigkeit hatten wir es dann aber auch geschafft das Fenster zuzuziehen, es klapperte immer noch verdächtig laut, sollte bis zu unserem Zwischenstopp in Maltahöhe aber noch verschlossen bleiben…

Auf der Fahrt nach Windhoek

Sonnenuntergang über den Dächern der Hauptstadt

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